In stressigen Zeiten Teil 4

Der letzte Teil gegen das grosse Torkeln in stressigen Zeiten.
Und vielleicht einer, der Mut zur Verletzlichkeit macht.

Über die grosse Wut und was sie mit einem Kleinen Prinzen und Vogelkindern zu tun hat. Und über die Gesten der Menschlichkeit, die immer wichtiger werden.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Die drei grossen S
In stressigen Zeiten die Gesten des Zähmens.

Über kleine Gesten, grosse Wut und die Sanftheit im Umgang mit Vogelkindern

#8 Mit der Wut umgehen lernen

In meinem Leben gibt es Wut.
Da arbeite ich sehr daran, weil es so anstrengend ist, wütend zu sein.

Wenn ich mir die feinfühligen Menschen in meiner Umgebung und mich selbst ansehe, mache ich mir oft Sorgen. Denn es gibt Anlass, wütend zu sein. Mehr als genug.

Die Kompetenz, mit der Wut umgehen zu lernen, halte ich deshalb für sehr wichtig.

Hier meine Gedanken dazu.

1. Deine eigene Wut

Zuerst will ich dich bitten, dass du dem Teil in dir, der so wütend werden kann, dass du dir Sorgen machst, wo du mit all dieser Wut hinsollst oder sogar eine tiefe Angst spürst davor, welche Strafe dich erwarten wird, wenn du sie nicht mehr zurückhalten kannst, ein Zeichen der Dankbarkeit und Wertschätzung entgegenbringst.

Es ist nämlich genau dieser Teil, der sich mit aller Kraft weigert, dich aufzugeben.

Das hört sich in einer Welt, in der jede Emotion, die den Rahmen von „Wir sind ja alle so reif und haben uns so toll im Griff!“ sprengt, bestimmt erstmal befremdlich an.

Aber ich sag dir: Es gibt schon genug Leute, die wie Zombies durch die Gegend laufen. Komplett abgestumpft. Und genau wie Zombies sehen sie auch aus. Die haben alle den gleichen Gesichtsausdruck: glanzlose Augen, leicht angespitzter Mund und so eine Maske von blasierter, herablassender Langeweile im Gesicht.

Dann stehen sie noch alle da mit ihren Armen, die fest verschränkt vor dem Herzraum liegen. Da geht nichts rein, da kommt nichts raus. Sie können nur noch ihre Kälte in die Welt strahlen und jeder menschlichen Regung mit Verachtung begegnen und alles dafür tun, möglichst vielen das Herz gefrieren zu lassen durch Erpressung, Druck, Angstmacherei und dem Hinweis: Du bist falsch und gehörst nicht dazu.

Schon allein dafür könnte man jeden Tag schreien vor Wut.

Wir leben in einer Welt, die immer mehr von Zombies bevölkert wird, die es nicht ertragen können, wenn sie ein Herz schlagen hören.
Ein lebendiges Herz, das sich eingesteht, dass es menschlich ist.

Du hast so ein Herz und es sagt dir entschieden:
Irgendetwas in deinem Leben stimmt gewaltig nicht, also bitte schau um Himmels Willen nach mir und finde heraus, was es ist.

2. Die Wut, die nicht zu dir gehört

Die Chancen stehen bei 50%, dass du ein offenes Emotionalzentrum hast.

Auch, wenn du nichts mit Human Design zu tun hast oder zu tun haben willst — der Blick auf die Beschaffenheit deines Emotionalzentrums lohnt sich sehr, wenn du mit Wut zu kämpfen hast.

Denn ein offenes Emotionalzentrum ist nicht nur mit der eigenen Wut konfrontiert, die ab und zu auftaucht. Es nimmt die Wut aus dem Umfeld stark verstärkt ins System auf.

Und jetzt stell dir vor, wie es dir geht, wenn die Welt immer wütender wird (und das wird sie): Du bist ständig mit sehr anstrengenden Emotionen konfrontiert, für deren Verarbeitung dein System nicht ausgerüstet ist.

Wenn du dazu Informationen haben willst, melde dich bitte.
Hier geht’s zum Diaprolog.

3. Wie die Wut kleiner wird

Die Wut wird dann kleiner, wenn du ihr eine Möglichkeit gibst, zum Ausdruck zu kommen. Und sie dann nicht selbst behandelst wie ein herzloser Zombie. Sondern wie eine, die vor Mitgefühl überfliesst für diese Wut, die sich weigert, in den Boden gestampft zu werden und dich schutzlos allein zu lassen.

Der Ausdruck der Wut geht vielleicht nur sie und dich etwas an. Ihr beide macht das miteinander aus. Jeden Tag viele Male, wenn es sein muss.

Hier sind ein paar Möglichkeiten:
Nimm dir selbst eine Sprachnachricht auf, sprich dich frei.
Schreibe.
Schreie.
Streite mit dem Gegenüber, das die Wut auslöst, auch wenn das Gegenüber gar nicht da ist.
Fülle ein Arbeitsblatt von Byron Katie aus.
Renne.
Zerreiss den ganzen Stapel Altpapier.
Schau einen sehr traurigen Film und weine alles raus.

(Kommt dir das bekannt vor? Zurecht.)

4. Was ich dir nicht empfehlen kann

Vielleicht fällt dir auf, dass nirgendwo steht:
Kotz dich in rasendster Wut bei einem anderen richtig aus.

Ich kann dir das aus mehreren Gründen nicht raten.

  • Entweder, du gerätst an jemanden, der damit eigentlich nicht umgehen kann.
    Er wird wahrscheinlich trotzdem verständnisvoll schauen. Dir ein paar Ratschläge geben. Oder sagen: Beruhig dich erstmal. (Und wenn du diesen Satz hörst, kannst du gleich weiterüberlegen, warum der gesagt wird. Da gibt es nämlich nur eine Handvoll Möglichkeiten.)

    Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass derjenige, bei dem du dich gerade auskotzt, nichts damit anfangen kann, weil er genauso belastet ist wie du. Vielleicht nicht auf dieselbe Art. Aber doch mit genug auf den Schultern, dass eigentlich nichts mehr drauf passt.
  • Die zweite Möglichkeit, die sogar noch ungünstiger ist: Derjenige, bei dem du dich auskotzt, kennt und versteht es, hat aber noch nicht gelernt, wie man auf gesunde Art mit der Wut, dem Schmerz, der Verzweiflung anderer umgehen kann. Und nimmt alles von dir auf sich. Dann ist das so, als hättest du einen Baum in Brand gesteckt und das Feuer ist gerade auf den nächsten Baum übergesprungen und wütet dort weiter.
  • Die dritte Möglichkeit (die ich niemandem wünsche, denn es tut wirklich sehr weh!) ist die, dass der, dem du dein Leid klagst, dir zu verstehen gibt: Du hast mir gerade dein wahres Gesicht gezeigt. Und dieses Gesicht ist weder normal noch akzeptabel. (Hier auf Kontinent 8 werde ich nie müde zu sagen: Es IST normal. Es IST akzeptabel. Und es IST gerechtfertigt.)


Die gute Nachricht ist: Du kannst wirklich sehr vieles mit dir selbst ausmachen. Du und deine Wut, ihr seid ein Team. Das ist gut zu wissen. Da kannst du viel besser für sie da sein.

(Bitte versteh mich richtig. Es gibt Arten von Wut, die brauchen ein Gegenüber. Und dieses Gegenüber muss gelernt haben, wie man unterstützt, ohne dabei selbst in Brand zu geraten.

Hol dir diese Unterstützung, wenn du das Gefühl hast, du stehst so unter Druck, dass du dir selbst nicht mehr helfen kannst. Geh zu deinem Arzt und erzähl ihm alles.)

5. Meine Antwort im Überblick

5. Der kleine Prinz und seine Rose

Auf dem winzigen Planeten des Kleinen Prinzen aus dem Buch von Antoine de Saint-Exupéry wächst eine Rose.
Der Kleine Prinz liebt sie sehr und war immer der Meinung, sie sei einzigartig auf der Welt.

Als er auf der Erde tausend andere Rosen sieht, die alle so aussehen wie seine, befällt ihn tiefer Zweifel.

Ein Fuchs, der den Kleinen Prinzen gebeten hat, ihn zu zähmen, erklärt, dass die Zeit, die der Kleine Prinz der Rose gewidmet hat, sie zu etwas Besonderem macht.

Das Zitat aus der deutschen Übersetzung ist sehr bekannt und lautet:

Du bist zeitlebends für das verantwortlich,
was du dir vertraut gemacht hast.
Du bist für deine Rose verantwortlich.


aus: „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry

Weisst du, was ich so faszinierend daran finde?

Das Originalzitat auf Französisch lautet:

„Tu deviens responsable pour toujours de ce que tu as apprivoisé. Tu es responsable de ta rose.“

Das ist so ein wichtiger Punkt: apprivoiser bedeutet zähmen, bändigen und zutraulich machen. Das ist viel mehr als sich nur etwas vertraut zu machen.
Zähmen bedeutet, dass etwas vorher wild war. Und dann Vertrauen fasste.

Die Wut ist eine Rose mit sehr vielen Dornen. Sie steht auf dem winzigen Planeten, für den du die Verantwortung trägst. Es braucht Sorgfalt und Pflege, damit sie dir ihr Vertrauen schenkt.

#9 Die Kunst der kleinen Gesten beherrschen

Ich hockte am Zürcher Flughafen auf dem Boden, an eine Säule gelehnt, mit dem Blick auf die Boardingtafel. Der Flug nach Istanbul war auf 16 Uhr angesetzt.

Als es halb vier wurde, machte sich die gewohnte Aufbruchsstimmung breit. Kinder wurden in Sitze gedrückt, Bücher und Essensreste eingepackt, Haare gerichtet, einige Leute sprangen auf, um nochmal zur Toilette zu gehen. Die ersten Eifrigen standen bereits in der Schlange vor dem Schalter, um möglichst schnell im Flieger zu sitzen.

Es wurde zehn vor vier.
Mittlerweile standen fast alle in der Schlange, auch ich.
Ich wunderte mich, warum es nicht langsam losging. Von einer Verspätung war nichts gesagt worden, die Infotafeln waren unverändert geblieben — keine Störung in Sicht.

Es war mittlerweile zehn nach vier. Die Menschen wurden langsam unruhig, einige waren nach vorne zum Schalter gegangen, um sich zu erkundigen. Ich behielt mit wachsendem Ärger die beiden Frauen im Auge, die hinter ihrem Pult standen, als wäre es eine Festung.
Die eine war sehr jung, die andere etwa in meinem Alter — mit einem Gesichtsausdruck, den ich immer als Zombiemaske bezeichne. Du weisst, was ich meine.

Um halb fünf war die Stimmung im Wartebereich gekippt — die meisten hatten sich wieder hingesetzt, viele schienen immer noch teilnahmslos-geduldig zu sein. Andere hingegen wurden merklich nervös, tauschten verärgerte Blicke, hingen wie hypnotisiert mit den Augen an den Zeittafeln, um keine Veränderung zu übersehen. Einer rief laut: „Was ist denn da los, kann man uns mal informieren?“, worauf ein anderer verhalten wütend zurückrief: „Das muss man sich erstmal leisten können!“

Die ältere der beiden Frauen vorn am Schalter, die ich bewusst in meinem Sichtfeld hatte behalten wollen, reagierte nur insoweit, dass sich auf ihrem Gesicht ein spöttisches Grinsen breit machte.

Ich haderte gerade mit mir, ob ich nach vorne gehen und sie bitten sollte, doch zumindest eine Durchsage zu machen, um für etwas Klarheit zu sorgen. Da kam mir ein anderer zuvor.

Ein grosser, schwerer Mann, vom Aussehen her vermutlich Türke, stürmte auf den Schalter zu. Eine Frau und drei Kinder blieben in der Nähe stehen. Der Mann war sehr wütend. In einwandfreiem Schweizerdeutsch fuhr er die immer noch kalt lächelnde Flughafenangestellte an, was das für eine Art sei, ob das die neueste schweizerische Idee sei, so mit Kunden umzugehen, über eine halbe Stunde Verspätung und kein Wort der Information, kein Wort der Entschuldigung.

Die Frau, die ich ebenfalls gut hören konnte, erwiderte in eiskaltem Tonfall: „Sie beruhigen sich jetzt, sonst kommt hier der Sicherheitsdienst an und dann war’s das mit der Schreierei.“

Der Mann wurde noch lauter. Ich konnte es ihm so sehr nachfühlen, ich war den Tränen nah vor Verständnis für ihn. Er brüllte sie an. Seine Kinder pressten sich an die Frau, die nach vorne zu ihm eilte, um ihn zu beruhigen. Da liefen bereits die Sicherheitsbeamten herbei, die den Mann unter den Armen packten und ihn abführten.

Ich nehme an, es ist ihm nichts weiter passiert. Wahrscheinlich wurde er irgendwo hingesetzt, damit er zur Ruhe kommen konnte. In den Flieger ist die Familie jedenfalls nicht eingestiegen.

Ja, könntest du jetzt sagen, kann man sich denn nicht ein bisschen beherrschen? Ist es wirklich nötig, so einen Aufstand zu machen?

Ich weiss es nicht.
Was ich weiss: Dass ich damit gehadert habe, nach vorne zu gehen, lag einzig und allein an meiner Angst, die Beherrschung zu verlieren. Wenn der Druck aufgrund einer Ungerechtigkeit so gross wird und das Gegenüber nicht nur kein bisschen entgegenkommt, sondern dir noch das Gefühl vermittelt, du hättest den Wert einer Schmeissfliege — kann man da immer ruhig bleiben? Muss man sich so viel Boshaftigkeit wirklich gefallen lassen?

Ja, muss man wohl.
Leider kommt bei gehässigem Verhalten keine Polizei.
Dabei kann seelische Grausamkeit Menschen bis ins Mark und ihr Leben lang erschüttern.

Eine kleine Geste kann eine sich entzündende Bombe entschärfen.
Ein Wort der Entschuldigung. Ein verständnisvoller Blick. Ein Funken Mitgefühl.

Das reicht oft schon, damit sich jemand wieder als Mensch fühlen kann.

#10 Tiefe Kameradschaft mit sich selbst erlauben


Ich bin Lili.

Und übe jeden Tag, in meiner Kraft zu bleiben.
Weil das Aussen ganz schön heftig zieht.

Wenn du aus meinem Schreiben etwas für dich mitnehmen kannst, hinterlass einen Kommentar oder teile es mit jemandem, für den es ebenfalls hilfreich sein könnte.

Und wenn du eine Idee von hier weitertragen willst: Das freut mich. Ich bitte dich nur um eines — verlink meine Seite. Dann weiss ich, dass meine Vogelkinder fliegen.

Herzlich vom Küchentisch
Lili von Kontinent 8

Zum Weiterlesen

Meine Herzensempfehlungen

Wenn du wissen willst, warum das grosse Torkeln auch seinen Sinn hat und was ein bayrischer Engel und ich gemeinsam haben, lies hier weiter.

Wenn Kontinent 8 zusammenbrechen würde und ich nur einen einzigen Artikel retten könnte, wäre es der hier.

Und das hier ist einer, der weh tun, aber auch gesünder machen kann.

4 Kommentare

  1. Immer wieder hats mich gebeutelt, weil ich mich in Gefühlen und Situationen oft schmerzlich wiedererkenne.
    Und dein Gedicht von den nackten Vogelkindern schafft mir Gänsehaut. Immer wieder. Ich liebe es. Und sie, diese zarten, verloren wirkenden, verletzlichen Wesen in mir und in den anderen lieb ich auch.
    Danke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner