Das grosse Torkeln — Warum wir Konflikte üben müssen

Die Konflikte, auf die es ankommt, sind selten hollywoodreif. Dafür grosses inneres Kino.

Über einen erzürnten Harfenspieler, fremde Paradiese und Mauern, die erst nach vielen Zusammenstössen zu Staub zerfallen.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Die drei grossen S
Konflikte üben. Ein dunkler Stier geht durch einen grauen Raum, während hinter ihm Staub aufwirbelt.

Ein konfliktfreies Leben. Das wär’s.

Ich hätte diesen Satz vor ein paar Jahren unterschrieben. Und als Fussnote daruntergesetzt: Endlich meine Ruhe. Danke, mehr brauche ich nicht.

Kennst du den Münchner im Himmel? Der kugelrund und missgelaunt auf einer Wolke sitzt, auf seiner Harfe klimpert und frohlocken soll? Stattdessen ein immer übler klingendes Halleluja in die paradiesischen Sphären plärrt? Sodass der Höchste höchstselbst ihn zurück ins Hofbräuhaus schickt?

Dieser Münchner wäre ich. Vom ewigen Frohlocken aufs Äusserste gereizt. Und warum? Weil man sich bei Friede, Freude, Eierkuchen nicht wirklich selbst begegnen kann.

Dass ich in den letzten Jahren doch ein paar Fortschritte gemacht habe, mich mittlerweile ganz gut kenne und sogar meistens mag, liegt — und dass ich das jemals schreiben würde, hätte ich früher auch nicht gedacht — hauptsächlich an den Konflikten, die ich überstanden habe.

Die wahren Konflikte sind leise.

Es gibt in meinem Leben nicht weniger Konflikte als früher. Sie liegen immer noch praktisch auf der Strasse. Ich kann im Trippelschritt um sie herumtänzeln — am Ende walzere ich doch direkt in sie hinein.

Die Konflikte sind nicht weniger geworden. Aber deutlich besser. Weniger beliebig. Irgendwie scheinen sie mich in eine Richtung zu drehen.

Unter einem Konflikt verstand ich früher Situationen, in denen zwei Menschen oder Gruppen sich uneinig sind und deshalb nicht aneinander vorbeikommen können oder wollen.
Die dann kaltschnäuzig werden, gemein, abfällig. Die laut schreien, heulen, sich Dinge an den Kopf werfen, schmollen, schweigen, spitz und sperrig werden, Rachepläne schmieden, in die Vermeidung oder Opferhaltung gehen. Aber das ist nur das Gelbe vom Ei, die Kirsche auf dem Keks.

Die Art von Konflikten, die ich meine, die meinen Weg säumen, die mich beschäftigt halten, sind keine filmreifen Dramen, sondern innere Gefühlsinfernos. Und die entbrennen in den leisesten Momenten:

Im Auto, wenn sich eine, weil sie die fünf Sekunden nicht hat, um zu warten, bis ich vorbeigefahren bin, von rechts auf die Strasse drängt und ich kräftig bremsen muss. Und ich dann bei meinem Seitenblick sehe, dass sie mit eiskalter Miene, den Blick starr nach vorne gerichtet, in aller Selbstverständlichkeit weiterfährt. Die Postangestellte, die meinen gutgelaunten Gruss mit einem abschätzig-gelangweilten Blick und weiter nichts erwidert. Die Lehrerkollegin, die meinen Unterricht mit gefrorenem Lächeln und vor der Brust verschränkten Armen verfolgt und nie ein einziges freundliches Wort dafür übrig hat. Aber meine Materialien später als ihre eigenen ausgibt und sich dafür abgebrüht feiert.

Kein gellendes Geschrei. Kein gespaltenes Geschirr. Aber innerer Krieg, der noch nächtelang tobt.

Die Hölle, das sind die anderen, schreibt Sartre. Ist das wahr?

Das grosse Torkeln

Das lateinische confligere bedeutet zusammenstossen. Wir stossen ständig mit irgendwem zusammen. Warum eigentlich?

Weil es eng wird auf der Welt? Kann sein.
Weil wir immer schneller getrieben werden, von Moment zu Moment, von Möglichkeit zu Möglichkeit? Bestimmt.
Weil wir vom Aussen mit grausamen Doppelbotschaften zugegiftet werden? Einer Mischung aus: „Du bist der Kaiser der Welt.“ Und: „Du wirst niemals gut genug sein.“ Ja.
Weil wir uns als Menschheit Herausforderungen stellen müssen, so schwerwiegend, dass ich manchmal atemlos davor stehe und mich frage, wie wir das alles stemmen sollen? Natürlich.

Zwei Teilchen, beide in Höchstgeschwindigkeit, stossen zusammen und beginnen zu torkeln. Verlassen ihre vorgegebene Bahn. Torkeln gegen andere. Die gleich mitmachen. Gar nicht anders können.

Das alles. Die grosse Verwirrung. Das grosse Torkeln.
Das sehe ich manchmal so. Wir, die geboren sind, um aufrecht und stark durch die Welt zu gehen, beginnen wie betrunken zu torkeln. Und stossen zusammen. Weil wir uns in diesem Torkeln schlichtweg im Weg herumstehen.

Ich frage mich ja schon seit geraumer Zeit, warum ich ständig in ähnliche Situationen gerate. Die sich so plakativ gestalten, dass Menschen, die mich wirklich gut kennen (und in keinster Weise schicksalsgläubig sind), verwundert den Kopf schütteln: „Das kann kein Zufall sein.“

Nein, das ist kein Zufall. Es ist ein Zeiger, der zittert. Bedenklich nahe an der Zwölf.

Ich-Kollision

Alle reden davon: Die Welt ist im Wandel. Aber was bedeutet das für mich?

Meine Einschätzung heute: höchste Zeit, mich dem zu widmen, was in mir noch unerforscht begraben liegt.

Dann ergibt alles einen Sinn: das Torkeln, das Zusammenstossen, der innere Krieg.

Weil in jedem Zusammenstoss mit einem anderen Teilchen das Potential liegt zu verstehen:


Ja, jetzt.
Denkst du mit mir meine Liste durch? Die Autofahrerin, die Postbeamtin, die Lehrerin?
Und ich, die innerlich tobt? Weil etwas in mir bedroht ist und mich das wahnsinnig macht?

Byron Katie, eine bescheiden gebliebene Quelle von Weisheit, die wir, wenn wir Glück haben, noch ein paar wenige Jahre zu unseren Zeitgenossinnen zählen dürfen, würde all meine Überlegungen vermutlich ungefähr so zusammenfassen:

„Solange du Angst hast, etwas nicht zu bekommen oder etwas zu verlieren, leidest du.“

Und ich, aus schmerzhafter Erfahrung klüger geworden, füge hinzu: Wenn ich leide, ist mir das Leid der anderen erstmal egal. Weil ich im Krieg bin. Und im Krieg ist scheinbar ja alles erlaubt.

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.

Angenommen, ich würde ab jetzt jeden Konflikt im Aussen in eine innere Beobachtung verwandeln und mich fragen: Wo finde ich das in mir?
Und angenommen, ich würde das so lange und konsequent tun, bis mich im Aussen nichts mehr wirklich erschüttern kann. Weil ich tapfer in meiner eigenen Hölle gestanden und mit meinen inneren Dämonen ums Feuer getanzt wäre. Bis zum erschöpften Stillstand.

Wir würden uns ansehen und sagen: Es reicht. Wir gehen jetzt ein Bierchen trinken und machen übermorgen weiter oder nie.

Würde es dann noch Krieg geben?

Ja. Aber ich wäre nicht mehr dabei.

Das fremde Paradies

Das ist der Punkt, warum ich davon überzeugt bin, dass Konfliktfähigkeit DIE Kompetenz der nächsten Jahre sein wird.

Konfliktfähigkeit nicht als eine Art Methodenkiste, um sich gegen andere zu behaupten. Eher als eine stabile innere Stärke, den Zusammenstoss mit sich selbst zu ertragen, um vom Aussen nicht in den Dauerkriegszustand gebracht zu werden.

Denn diese Gefahr ist real, wir hören, sehen und lesen es Tag für Tag: dass zu vieles gleichzeitig ins Rutschen gerät. Da kann man schon mal die Nerven verlieren. Und sich denken: Was kümmern mich die anderen, wenn ich hier am Absaufen bin? Rüstung angezogen und hoch das Schwert.

Ich finde, das merkt man schon. Und ich bin es leid, deswegen ständig im angespannten Kampfmodus zu sein.
Das ist so anstrengend. Und macht extrem dünnhäutig.
Und wenn man so dünnhäutig durch die Gegend torkelt, reicht oft schon ein Lüftchen, um davongetragen zu werden.

Das Lüftchen der Missionare und Meinungsmacher.
Das Lüftchen der Marketinglügner und Mimimi-Schreier.
Das Lüftchen der Maskenträger und Manipulatoren.
Und vor allem das Lüftchen: Verlass dich auf mich, denn ich zeig dir den richtigen Weg.

Nein, danke.
Ich weiss schon, dass es mir dort nicht gefällt. Engel Aloisius ist nicht der einzige, der im Paradies eines anderen wütend auf die Harfe klatscht.

Die Mauern zu Staub

Als meine Omi in ihrem letzten Jahr war, veränderte sich etwas in ihr. Sie sah mit anderen Augen in die Welt.

Und das stimmt so nicht ganz. Denn manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie gar nicht mehr mit den Augen schaute. Vielleicht schaute sie mit dem Herzen.

Was mich daran am meisten faszinierte: Sie wurde nicht plötzlich zur Heiligen. Sie wurde sehr, sehr klar. Wenn ihr etwas oder jemand auf die Nerven ging, dann sagte sie das. Aber sie sagte auch, wenn sie etwas berührte. Das kannte ich so nicht von ihr.

Ich räumte gerade frische Wäsche in ihren Krankenzimmerschrank, während sie im Bett lag und schlief. Etwas zog meinen Blick auf sie. Da lag sie, mit offenen Augen. Und schaute mich direkt an. Es war ein Blick, der eher einem breiten, goldenen Strahl glich. Und ich spürte, dass er auf einen anderen goldenen Strahl traf, meinen.

Seitdem weiss ich, dass wir alles in uns haben, was wir brauchen. Dass es vielleicht hinter einer dicken Mauer liegt. Gegen die wir mehr als einmal stossen müssen, bis sie anfängt zu bröckeln. Dass sie bei meiner Grossmutter in ihrem letzten Jahr vollständig verschwunden ist. Einfach zu Staub zerfallen.

Müssen wir darauf warten, bis wir sterben?
Ich glaube nicht.

Ich glaube viel eher, dass das Tempo, das die Welt aufnimmt, uns zugute kommen kann. Denn auch das beobachte ich: Die Zeit des Wandels ist eine Zeit des Waffenniederlegens.

Zuallererst die gegen uns selbst.


Dann bring mich halt ins Torkeln!
Ich werde üben, standhaft zu sein.

Ich an meiner Seite, verstärkt durch ein paar dunkle Gestalten, mit denen ich so lange zusammengestossen bin, bis sie mir nach ein paar durchzechten Nächten richtig sympathisch geworden sind. Vielleicht noch einer Tafelrunde. Und der Aussicht, dass es am Ende auch gut werden kann.

Das ist kein ewiges Halleluja und sicher nicht perfekt.
Aber vielleicht tragfähig genug.

Ich bin Lili.

Und immer wieder erstaunt, wenn ich die Spiralen meines Lebens rückwärts verstehe.
Konflikte können Freunde sein?
Da hätte ich mir früher nur müde an die Stirn getippt.

Jetzt interessieren sie mich so sehr, dass ich auch von deinen hören will.

Erzähl mir deine Geschichten: gelungene Konflikte, gute und unbrauchbare Strategien, Lustiges, Tragisches. Und das, was du daraus lernst. Weil ich gerade an einem Text schreibe: Was hilft eigentlich wirklich in Konflikten?

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