In stressigen Zeiten Teil 3

Mittendrin im Kompetenzerwerb gegen das grosse Torkeln in stressigen Zeiten!

In Teil 3 geht um den Mut, beim Wesentlichen zu bleiben. Und darum, dass man beim Bitten die Leute kennenlernt.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Die drei grossen S
In stressigen Zeiten auf das Wesentliche fokussieren.

Über das Wesen des Wesentlichen und ziemlich schwierige Menschen

#6 Sich um das Wesentliche kümmern

(Jetzt kannst du entscheiden. Lesen oder anhören?)

Der König und der Schneider
Ein Märchen

In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein kleiner König in seinem kleinen Reich. Das Reich war so klein, dass der König nur einen einzigen Untertan hatte — den Schneider.

Der Schneider war ein rechtschaffener Mann. Und obwohl ihm allein in seiner Schneiderstube fürchterlich langweilig war und er Gesellschaft vermisste, war er doch ein vergnügter Geselle und nähte dem König unaufhörlich hübsche Gewänder.

Eines Tages entschied der König, dem Schneider einen Besuch abzustatten. Er stieg von seinem Pferd und trat, ohne vorher anzuklopfen, in die Stube des Schneiders ein.

„Grosser König”, sagte der Schneider und verbeugte sich tief, „was verschafft mir die Ehre Eures hohen Besuchs?”

Der König sah sich in der Stube um, die überquoll von seltenen Stoffen und prachtvollen Gewändern. Er schüttelte missbilligend den Kopf. „Du nähst hier den ganzen Tag. Wie gemütlich. So gut möchte ich es auch mal haben. Ich befehle, dass du ab jetzt meine Buchhaltung übernimmst.”

Der Schneider, der von Buchhaltung keine Ahnung hatte, aber zu ängstlich war, dies zuzugeben, nickte demütig.
Von da an nähte der Schneider den halben Tag. Die restliche Zeit schrieb er auf, welche Stoffe er mit welchen Scheren nach welchen Mustern in Form schnitt, wie viele Stiche er mit welcher Nadel für jede Naht setzte und wie lange er brauchte, um dies alles aufzuschreiben.

Als der König wieder auf Besuch kam, war des Schneiders Stube weniger gefüllt mit Stoffen und Gewändern. Dafür stapelte sich in jeder Ecke das Papier.

Der König schüttelte missbilligend den Kopf.
„Was für eine Unordnung”, sagte er und schnalzte ungeduldig mit der Zunge. „Ich befehle dir, dass es hier ordentlich ist, wenn ich das nächste Mal komme.”

Der Schneider tat, wie ihm geheissen und nach dem Nähen und dem Schreiben räumte er nun viele Stunden am Tag Stoffe in Schubladen und Stapel in Schränke. Zum Nähen blieb ihm immer weniger Zeit und er fühlte sich unglücklich und schwach.

Als der König zum dritten Mal auftauchte, fand er eine leere Stube vor, in der der Schneider ermattet sass.

Erbost rief der König: „Bist du zum Nichtstun auf der Welt? Ab in den Kerker, sofort!”
Und er packte den Schneider am Arm und warf ihn in den Kerker.

Gleich darauf ritt der König an die Grenze seines Königreichs und versprach vier Männern, die jenseits der Grenze im Schatten eines Baumes sassen, einen Beutel voll Gold, wenn sie mitkämen, um Gewänder zu nähen, alles aufzuschreiben, Ordnung zu halten und das Ganze zu beaufsichtigen.

Die Männer stimmten zu und brachten ihre Frauen und Kinder mit. Und bald hatte der König 17 Untertanen und ein Jahr später sogar 22.

Und wenn er nicht gestorben ist, ist sein Königreich heute ziemlich gross.

#7 Um etwas bitten können

Ein grosses Thema. Eine grosse Kompetenz.

Sie hat so viele Facetten.

Aspekt 1: Menschen, die nicht bitten können

Um etwas bitten zu können bedeutet für jemanden wie mich, mutig zu sein. Mutig genug zuzugeben: Ich brauche Hilfe. Ich bin gerade nicht in der Lage, es allein zu schaffen.

Vor allem aber mutig genug, jemand anderen damit zu belasten. Jemandem Zeit zu nehmen und ihm vielleicht auf die Nerven zu gehen. (Wer meinen Artikel Trigger Digger kennt, weiss, dass ich süchtig danach bin, für andere Leute zu denken.)

Vor ziemlich genau einem Jahr hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. Mein sehr schweres Klavier, das mit mir von Schulhaus zu Schulhaus zieht, kann ich mittlerweile allein vom Klassenzimmer zum Auto transportieren. Aber ich kann es nicht allein ins Auto heben. Ich habe alles versucht, es geht nicht. Dafür bin ich nicht stark genug.

Ich konnte zwei Nächte lang nicht schlafen. Konnte nicht essen. Bin in eine tiefe Ausweglosigkeit gerutscht. Vor Angst, dieses Klavier nicht aus der Schule schaffen zu können.

Jetzt sagst du vielleicht: Das ist doch aber schon nicht ganz normal, oder?

Ja, du hast recht. Es ist NICHT GANZ NORMAL und schon gar nicht gesund, nicht um Hilfe bitten zu können.

Deshalb schreibe ich es hier als wichtige Kompetenz auf.

Ein anderer Aspekt von #7 ist dieser hier:

Aspekt 2: Menschen, die nicht bitten wollen

Es gibt Menschen, die wissen ganz genau, was sie wollen und wie sie es kriegen. Sie würden aber nie darum bitten oder danach fragen. Das scheint unter ihrer Würde zu sein. Sie lassen sich ihre Wünsche lieber von den Augen ablesen.

Wenn das nicht klappt, nehmen sie es sich einfach. Oder sie manipulieren dich so lange, bis du ihrem Wunsch entsprichst.

Ich habe einmal einer Person, die das regelmässig so macht, die Frage gestellt, was ihr Grund dafür ist, warum sie mich nicht schlicht und direkt um etwas bitten kann. Ihre Antwort war leider praktisch eine Kopie MEINER Antwort von ein paar Tagen zuvor, warum ICH damit Mühe habe. Das konnte ich dann also nicht wirklich ernst nehmen, denn ich bekomme keine Hilfe, WEIL ich nicht darum bitte. Sie bekommt Hilfe, OBWOHL sie es nicht tut.

Wenn du das liest und du dich in Aspekt 7.2 wiederfindest — ich wäre echt sehr interessiert an deiner Antwort. Das würde mich in meinen Studien erheblich weiterbringen.

Kommen wir zu Aspekt 3 dieses für mich immer wieder fesselnden Themas:

Aspekt 3: Menschen, die bitten. Und danach alles verleugnen.

Das sind die Menschen, die um etwas bitten. Auch bekommen, was sie wollen. Und abschliessend abstreiten, dass sie Hilfe nötig hatten.

Diese Typen treiben mich zur Weissglut. (Und haben mir die härteste Lektion in Sachen Projektor-Einladung mitgegeben.)

Ich hatte vor einigen Jahren einen rein freundschaftlichen, sehr intensiven Austausch mit einem Mitstudenten aus einer Ausbildungsgruppe. Wir standen beinah täglich in Kontakt.
Sein Verhältnis zu seiner Mutter war äusserst schwierig, da sie ihn immer wieder mit dem Gefühl zurückliess, absolut nichts richtig machen zu können.

Ich bin bei Freunden grosszügig mit meiner Zeit, habe viel zugehört, Übungen mit ihm gemacht, Fragen gestellt.
Kurz gesagt: Für die Gespräche mit mir hätte er woanders viel Geld bezahlt.

Irgendwann rief er mich an und erzählte mir völlig aus dem Häuschen, er hätte jetzt die Nase voll, er würde sofort losgehen und seiner Mutter mal so richtig die Meinung sagen. Dass sie krank und an die 80 wäre, sei ihm egal. Er wolle sich das endlich von der Seele reden. Ob ich noch einen Input für ihn hätte?

Mein Input kam natürlich. Das wäre mit meinem Gewissen nicht vereinbar gewesen, ihn in diesem Zustand auf seine alte Mutter loszulassen. (Und wenn sie noch so ein Drache ist, irgendwo gibt es Grenzen.)

Er wurde ruhiger. Er schlief eine Nacht darüber. Er rief mich am nächsten Tag an.
„Ich wollte dir nur schnell erzählen, wie gut das Gespräch mit meiner Mutter gelaufen ist. Ich bin jetzt richtig erleichtert. Und so stolz auf mich. Ich habe das GANZ ALLEIN geschafft.“

Der letzte Satz war übermässig betont in Lautstärke und Nachdruck. Als würde das den Lauf der Vergangenheit ändern oder mir Men in Black-mässig das Gedächtnis zusammenbröseln lassen.

Aha, das hatte er also GANZ ALLEIN geschafft. Danke für nichts.

Und dann gibt es natürlich noch

Aspekt 4: Die Regenbogenponys

Im 3. Untergeschoss habe ich auch zu denen ein paar Geschichten parat.

Regenbogenponys sind Menschen, die ihr Leben damit verbringen, bunt und schillernd von Wolke zu Wolke zu hopsen und sich ihre Träume zu manifestieren.

Man könnte sie bewundern, wenn sie nicht so nervig wären. (Ich lache gerade sehr!)
Sie sind nämlich sowas von im Vertrauen darüber, dass wir anderen nur zu einem einzigen Zweck auf der Bühne ihres Ponyschloss-Lebens abgestellt worden sind: ihnen zu Diensten zu sein.

Regenbogenponys scheinen entweder sehr wenig Bezug zur Realität zu haben. Oder sie hatten in ihrer Vergangenheit ihrer Meinung nach zu viel Bezug dazu. Und haben sich von diesem elenden Zustand befreit.

Darum können sie auch je nach Naturell bemerkenswert treuherzig und charmant oder mit der leisen Egomanie eines Kindes in der Trotzphase die wildesten Forderungen stellen. Und bekommen oft genug, was sie fordern. (Ich selbst bin manchmal so erschlagen von so viel selbstverständlicher Unverfrorenheit, dass ich den Regenbogenponys schon mehr als einmal auf den Leim gegangen bin.)

Da sie ja nicht wissen, wieviel Arbeit es kostet, ihnen das Leben einfacher zu machen, ist die Wertschätzung dann auch dementsprechend nicht sehr gross.

Wenn sie sich ein Danke abringen können, ist das schon viel. Aber rechne nicht damit. Ich bin von Regenbogenponys auch schon ausgelacht worden. Oder sie haben sich im Nachhinein bei jemand anderem darüber beschwert, dass sie mit meinen „Manifestationen“ eigentlich nicht zufrieden sind. Kürzlich hat mir ein Regenbogenpony, dessen Wünschen ich nicht weiter entgegenkommen wollte, eine mehrminütige Psychoanalyse geschenkt. Zumindest weiss ich jetzt, dass ich ein Selbstwertproblem und narzisstische Tendenzen habe.

Für mich steht ausser Frage, dass jemand, der echt und ehrlich um Hilfe bitten und die erfolgte Hilfe wertschätzen kann, die Regeln von guten Deals kennt. Und damit ein gesundes Bewusstsein von Respekt in sich trägt – sich selbst und dem anderen gegenüber.

Und das schadet nie, soweit ich weiss.

Du erkennst dich irgendwo wieder?
Und hast Lust, dich jeden Tag ein bisschen mehr über die Tragikomödien des Lebens zu amüsieren, statt von ihnen gefrustet zu sein?

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