Gestern in der Schule.
Fünf Kinder klettern in der Pause aufs Dach. Was an sich schon mal keine so gute Idee ist.
Als ich sie vom Dach runter und vor mir anspazieren liess, kamen zwei von ihnen mit ausgestreckter Hand, Dackelblick direkt in meine Augen und wortreichen Entschuldigungen auf mich zu. Zwei andere fanden das wohl cool und machten es gleich nach. Die letzte im Bunde konnte mir nicht in die Augen sehen.
Ich schüttelte die Hände, erwiderte die Blicke und liess sie alle zurück in die Pause springen. Um drei Minuten später von einem sechsten Kind zu hören — die Bande steht schon wieder oben.
Ich bin nicht laut geworden. Weil ich gesehen habe, wie sehr das fünfte Kind sich quält. Im Gegensatz zu den anderen, die ihren Spass gehabt hatten, war sie wohl irgendwie hineingerutscht und kannte sich selbst nicht mehr aus.
Davon kann ich ein Liedchen singen. Mich im Nachhinein fragen zu müssen:
Wer bin ich, wenn ich nicht ich selbst bin?
Heimliche Übernahme
Es gibt die offensichtliche Fremdsteuerung:
Dein Vorgesetzter, der dir Aufgaben zuteilt und den Abgabetermin festlegt. Der Vater, der will, dass du dich (solange du deine Füsse unter seinem Tisch hast!) an die Regeln hältst. Die Gesellschaft, die fordert: gross werden, arbeiten, Steuern zahlen.
Diese Art von Fremdsteuerung ist sichtbar. Damit kann man zufrieden sein oder nicht, sich etwas einfallen lassen oder irgendwann gehen.
Tückischer ist die Fremdsteuerung, die heimlich von innen heraus übernommen hat. Sie sitzt in dir. Was Kündigung, Auszug und Wegzug zwecklos macht. Mit der muss man anders umgehen lernen.
Über die Jahre habe ich mich immer wieder in Situationen wiedergefunden, in denen mir gleich oder später klargeworden ist: Das da gerade war nicht ich.
Vielleicht erkennst du dich in manchen davon wieder.
1. Dich muss man nicht bitten, du springst schon vorher los.
„Hach, jetzt muss ich auch noch den ganzen Karton zum Recyclinghof bringen. Dabei bin ich eh schon so gestresst“, seufzt die Kollegin. Danach ein Seitenblick auf mich. Und Schweigen.
Früher wäre ich sofort eingesprungen. Heute passiert mir das nicht mehr sehr oft.
Auf dem Jakobsweg habe ich Markus kennengelernt. Wir sind ein Stück miteinander gelaufen und hatten ein paar echt schöne Gespräche. Einmal hab ich ihn gefragt: „Was würdest du heute nicht mehr machen, was du früher andauernd gemacht hast?“ Er sagte: „Ich biete mich nicht mehr an. Wenn jemand etwas von mir braucht, soll er den Anstand haben, mich darum zu bitten. Das ist das Minimum. Vorher bewege ich mich nicht.“
Seine Antwort und der leise Schmerz darin waren mir sehr vertraut.
Wenn man dich nie bitten muss, weil etwas in dir dich schon vorher losspringen lässt, wirst du bald zur Selbstverständlichkeit. Und musst immer schneller springen, um dir selbst deinen Wert zu beweisen.
2. Du machst Dinge, „weil es immer so war.“
Es gibt eine kleine Geschichte, die kommt mir oft in den Sinn.
Zwei alte Leute, schon sehr lang verheiratet, sprechen über seinen anstehenden Geburtstag.
Er: „Ach, weisst du, Schatz. Eigentlich wünsche ich mir nur, dass ich für einmal die obere Hälfte des Brötchens bekomme beim Frühstück.“
Sie (fassungslos): “ Warum sagst du das erst jetzt? Ich mag die untere Hälfte viel lieber.“
Wir machen laufend Dinge, weil sie immer so gemacht worden sind.
Passen tun sie oft für kaum jemanden mehr.
3. Du entschuldigst dich für dich selbst. Reflexhaft wie Schluckauf.
Hast du schon mal versucht, dich einen Tag lang NICHT für dich selbst zu entschuldigen?
Also, mir fällt das extrem schwer.
So schwer, dass ich diesen Tipp, den ich irgendwo mal in einem Anti-Jammer-Buch gefunden habe, in die Tat umgesetzt habe: „Trag ein Gummibändchen um dein Handgelenk. Jedesmal, wenn du dich beim Jammern (in meinem Fall beim Entschuldigungsagen) ertappst, wechselst du das Gummiband auf die andere Seite.“
Ich war da den ganzen Tag beschäftigt, ehrlich. Schockierend, wie viel Anlass ich zu haben glaube, mich kleinzumachen. „Oh, ja, sorry!“ „Ach, tut mir leid.“ „Oh, nein. Entschuldigung, entschuldigung!“
Nein, da könnte ich losweinen. Lassen wir diesen Scheiss endlich sein?
4. Du rechtfertigst deine Entscheidungen, bevor überhaupt jemand danach gefragt hat.
Das gehört unbedingt unter Punkt 3. Weil wenn du dich schluckaufartig für dich selbst entschuldigst, schliesst das deine Entscheidungen fast automatisch mit ein.
Mir wurde eine Stelle angeboten. Ich habe mir einen Tag Zeit gelassen und dann freundlich abgelehnt. Die Schulleiterin klang etwas enttäuscht, akzeptierte meine Entscheidung aber sofort und war gerade dabei, das Gespräch zu beenden, da höre ich mich sagen: „Ich bin einfach nicht sicher, ob ich momentan die Ressourcen dafür habe.“
Die emotionalen Missstände so minimal wie möglich zu halten. Einem lieben Kind kann man nicht böse sein.
5. Du fühlst dich schuldig, wenn du Erwartungen nicht erfüllst.
Schlägt in die gleiche Kerbe wie 4., ist aber noch viel expliziter gemeint.
Wenn du jemand bist, an den viele Erwartungen geknüpft werden oder wurden, kennst du das: Du weisst genau, dass du eine Erwartung weder erfüllen kannst noch willst. Sie hängt aber über dir wie ein Damoklesschwert.
Es gibt ein Foto von mir, da bin ich noch klein, Kindergartenalter. Ich stehe neben meiner Schwester vor einem prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum und halte mit einem grossen Lachen einen roten Arztkoffer in die Luft.
Mein Grossonkel, damals schon ein alter Herr, war entzückt: „Die Kleine wird mal Ärztin! So ist es recht! In jede anständige Familie gehören ein Apotheker, ein Arzt und ein Rechtsanwalt.“
Ich wurde älter, ich schloss die Schule ab — und ging los, um Medizin zu studieren. Für Onkel Hans, meine Omi, meine Eltern. Nicht für mich. Und wurde sehr, sehr unglücklich.
Als ich es nach einem Jahr Versteckspiel endlich schaffte, die Wahrheit zu sagen, war meiner Mama und meiner Omi das piepegal. Mein Vater war sogar erleichtert. Das Traurige ist: Ich konnte es erst zugeben, nachdem mein Grossonkel gestorben war.
6. Du bist im ständigen Vergleichs- und Anpassungsmodus.
Egal, wo du hinkommst, was du machst und wo du bist: Deine Antennen sind auf Empfang.
Wie ist die Stimmung? Worüber wird gesprochen? Wer hat den Lead? Wer steht aussen und warum? Wie muss ich mich geben und verhalten, um nicht negativ aufzufallen?
Anpassungsfähigkeit ist eine wertvolle Stärke. Wenn ihr aber das Fundament fehlt, die sichere innere Basis, wird sie zum Spiessrutenlauf.
7. Du bist so lange am Aussen orientiert, bis dir keine Antwort mehr zu dir selbst einfällt.
Dazu habe ich immer das Bild von Julia Roberts im Brautkleid im Sinn, wie sie vor ihren Männern vorm Traualtar flieht.
Sie weiss nicht einmal, wie sie ihre Frühstückseier mag. Das findet sie erst am Ende heraus.
Das hat mich irgendwie geprägt: Ich wollte wissen, was ich mag und was nicht.
Trotzdem ist es mir später passiert. Keine Antworten auf die einfachsten Fragen. Völlig leer.
8. Du hast Angst davor, dass man dich falsch versteht.
Das Gefühl, nicht einwandfrei verstanden zu werden, die Sachverhalte in ihrer überwältigenden Komplexität nicht transportieren zu können, ist der reinste Stressfaktor und kann dazu führen, ständig viel zu viel zu erklären oder komplett zu verstummen.
Beides ist natürlich nicht gerade die gesündeste Form von Selbstausdruck. Und lässt das Gegenüber oft ratlos oder befremdet zurück. Was wiederum dazu führt, dass du den Druck spürst, dich erklären zu müssen. Uff.
Mir ist schon das Schreiben darüber zu anstrengend.
Was steckt dahinter? Da gibt es tausend Antworten.
Eine, die sicher stimmt: Wem Schuld und Scham nicht fremd ist, versucht oft panisch, keine weitere Angriffsfläche zu bieten.
9. Du fühlst dich durch Zuschreibungen anderer ungerecht behandelt.
Der Kollege ist eine echte Labertasche. Du bist im Machmodus, tust dies und das und hundert andere Dinge, während er hinter dir herrennt und dich zutextet.
An einem Mittag wetzt er an deinem Klassenzimmer vorbei, wedelt abwehrend mit der Hand und ruft zu dir herein: „Also, heute habe ich wirklich keine Zeit für ein Gespräch, ich muss zum Flughafen!“
Und du stehst da und könntest aus der Haut fahren, weil er dir das Gefühl vermittelt hat, du wärst die, die man nicht zum Schweigen bringt. Und scannst parallel dazu alle Begegnungen des vergangenen Jahres ab. Wobei das Bild dasselbe bleibt: Du arbeitest, er redet.
Jetzt könnte man rufen: Ja, aber DAS ist doch wohl Fremdsteuerung von aussen!
Nein, ist es nicht. Es ist nur die Quittung für deine Unehrlichkeit, nicht schon längst gesagt zu haben, dass du nicht gern voll gelabert wirst.
10. Du triffst Entscheidungen durch die Augen eines anderen.
Der Traumtyp neben dir auf dem Partyfoto. Weil deine Freundin staunen wird.
Das Hadern damit, wichtige Fragen zu stellen, weil die anderen denken könnten, du wärst dumm.
Die monatelange Weiterbildung, die sich gut im Lebenslauf macht.
Und ein Hobby, das dich schick aussehen lässt, aber in Wahrheit todlangweilig ist.
Zwingt uns jemand, in andere Köpfe zu schlüpfen, wenn wir uns für etwas entscheiden?
Social Media hat hier noch einen draufgelegt. Wir schauen uns so intensiv beim Posen zu. Da kann man leicht vergessen, dass Instagram keinen Beileidsbrief schickt, wenn man in einem fremden Leben sitzt.
11. Du nennst Selbstverleumdung Rücksicht.
Die Freundin, die nur anruft, wenn sie etwas braucht.
Der Partner, der lieber Videospiele spielt statt verliebt mit dir zu kochen.
Der Kollege, der dir Geld schuldet, aber erstmal schön in Urlaub fährt.
Du sagst nichts, denn du willst rücksichtsvoll sein. Und man muss ja jeden nehmen, wie er ist.
Rücksicht ohne Einsicht ist einfach eine traurige Aussicht.
12. Du redest um den heissen Brei.
Jetzt hast du dich endlich dazu aufgerafft, den sonnenverbrannten Kollegen auf deine 3’000 Euro anzusprechen — und am Ende hast du dich bei ihm entschuldigt und fast nochmal 3000 draufgelegt.
Wenn du mich jetzt sehen könntest, würdest du mitlachen.
13. Du kannst Riesen nicht mehr von Windmühlen unterscheiden.
In meinem Beitrag Zeit, Don Quijote vom Pferd zu holen habe ich meinen Verstand mit dem alten Ritter verglichen, der denkt, er müsse gegen Riesen kämpfen, wo es doch eigentlich nur Windmühlen sind.
Der Vergleich ist gut, denn unser Verstand denkt ganz oft, er müsse kämpfen. Meiner kämpft am liebsten gegen mich. Wenn er sich nicht auskennt, bin ich an allem schuld.
Schau, und genau das finde ich mittlerweile hochgradig ungesund.
Weil es uns praktisch dazu zwingt, riesige Schritte von uns wegzumachen, statt uns verbindlich und entschlossen an unsere eigene Seite zu stellen. Du brauchst dich an deiner Seite, weil wer soll sonst da stehen?
Um dich an deine Seite stellen zu können, musst du wissen, wer du bist. Sonst sagt es dir die Welt. (Die Welt hat da allergrösste Freude daran!) Und du bist immer in Gefahr, noch weiter von dir weggezogen zu werden.
Das macht müde. Und trübt deinen Blick. Und irgendwann weisst du wirklich nicht mehr, was Riesen sind und was Windmühlen. Und die Welt wird zu einem bedrohlichen Ort, der dich ständig ins Wanken bringt.
Es sind nur Windmühlen. Geh einfach ein Stück näher ran. Schau genau hin.
Es macht so Spass, wenn du es siehst.
Ich bin Lili.

Ich schreibe und arbeite für die drei grossen S und die Kompetenz, innere Orientierung zu finden und urteilsfähig zu bleiben.
An meiner eigenen Seite zu stehen.
Und andere dabei zu unterstützen, die das auch wollen.
Es ist meine leise Rebellion in einer lauten Welt.
Ich versende jeden Donnerstag einen Brief vom Küchentisch.
Wenn du den lesen willst, kannst du dich hier anmelden.