Muss ich das wirklich?
Der erste Gedanke, den ich heute Morgen gedacht habe: Ich muss sofort rauchen.
Der zweite, sehr ungewohnt: Muss ich das wirklich?
Das hat mich in eine Verwirrung gestürzt. Ich war total zerrissen. Der Gedanke, ob ich das wirklich muss, war wie ein Schlag in die Magengrube.
Ich bin nicht nur süchtig, ich bin auch noch süchtig danach, süchtig zu sein.
Das Leben legte gleich noch eine Schippe drauf.
Zuerst gab mir mein Hund mal wieder schonungslos zu verstehen, dass er mich nicht mag. Oder zumindest meinen Ex-Freund sehr viel lieber.
Nach dieser erneuten Erkenntnis, dass ich ein Haustier habe, das gut und gern auf mich verzichten könnte, lag die Entscheidung nahe, jetzt sofort nach Hause zu fahren, um weder dem Hund noch dem Mann den Tag zu verhunzen. Ich ging also zum Auto. Und stellte dort fest, dass irgendjemand für mich völlig unverständlich meine beiden Seitenspiegel eingeklappt hatte.
Auf dem Weg nachhause liess ich einer Fahrradfahrerin den Vortritt. Ihr Dank: Während sie an mir vorbeifuhr, starrte sie mich vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf.
Und irgendwann zwischen Milo und der Fahrradfrau fiel mir auch noch ein, dass die Newsletter-Arbeit einer ganzen Woche umsonst gewesen war, weil mir der Cookie Banner mit empörter Miene den Zeigefinger ins Auge gestochen hatte.
Um 7h36, noch vor dem ersten Kaffee, war ich bereits am Boden zerstört.
Das Baby auf der Couch
Und dann kam das hier.
Ein kurzer Ausschnitt einer Serie, von der ich vorher noch nie was gehört hatte.
Die Szene:
Eine Therapeutin und ein Klient sitzen einander gegenüber.
Therapeutin: „You want freedom with no responsibility. Son, there’s only ONE person on earth who gets that deal.“
Klient: „Hmm. The president?“
Therapeutin: „A baby.“ (kichert) „You’re fighting for your right to be a baby.“
Zack.
Das ist es.
Ich will frei sein, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen, was mir die Freiheit in Wirklichkeit nimmt.
Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, alle Süchte zu notieren, die mir durch den Kopf flogen. Zuerst dachte ich an mich. Dann dachte ich an Süchte, die ich bei anderen beobachtet hatte. Um gleich darauf festzustellen, dass auch das meine Süchte waren.
Ich habe auf dieser Liste mittlerweile 88 Punkte stehen (und keinen Zweifel daran, dass sie weiter wachsen wird).
Für den Anfang fünf.
Wonach ich süchtig bin
Süchtig danach, für andere zu denken
Ich habe gedacht, ich fahr mal lieber heim, anstatt mich jemandem zuzumuten. Ich weiss nicht, wie oft ich schon vor Situationen davongelaufen bin, weil ich so sicher war zu wissen, was ein anderer denken oder wie er reagieren würde.
Süchtig danach, mich vom Verhalten anderer verunsichern zu lassen
Die eingeklappten Seitenspiegel und die Radfahrerin — ICH hab dann nachgedacht, was ICH falsch gemacht habe. Wieso?
Süchtig danach, mich ungeliebt zu fühlen
Ich weiss, dass mein Hund mich sehr mag. Er zeigt mir das aber anders als seinem Herrchen. Wenn ich schlecht drauf bin, findet mein Verstand zuverlässig Beweise dafür, dass ich nicht geliebt werde.
Süchtig danach, die Flinte ins Korn zu werfen
Der Newsletter war fertig, mit allem Drum und Dran.
Und dann motzt der Cookiebanner: Daten der Leser nicht einwandfrei gesichert.
Und ich mal wieder:
Das halt ich nicht aus. Ich lass das mit dem Newsletter. Das mit der Webseite auch. Ich geh offline. Für immer!
Süchtig danach, mich zu verzetteln
Ich wollte die Punkte in einen Blogartikel packen.
Und dann kamen:
zwei neue Kurskonzepte
eine Newsletterserie
ein Artikelthema
und 17 weitere Punkte für die Liste.
Den Blogartikel hatte ich nicht mal angefangen.
13h46.
Ich liege im Bett und esse Schokolade.
Habe meine Liste nochmals durchgelesen. Einen weiteren Punkt ergänzt. Mich gefragt, was jetzt werden soll. Und entschieden, die 31 anzugehen:
süchtig danach, immer wissen zu müssen, wie es weitergeht.
Ich bin Lili.

Heute ist mein Sammeltag.
Ich sammle, was ich glaube. Und noch nicht loslassen kann.
Wir sehen uns jenseits der 1000.
PS. Wenn du meinen allerersten Newsletter erhalten willst, der morgen den Küchentisch verlässt, schreib mir.
Ich sende ihn dir zu. Von Frau zu Frau, ohne Datenschutz-Sorgen.