Was ich von meiner Omi lernen durfte

Heute, am 17. April 2026, wäre meine Omi 96 Jahre alt geworden.

Wenn ich ihr erzählen könnte, dass ihr Geburtstag ein kraftvoller Mondtag ist und sieben mächtige Himmelskörper im Widder herumstehen, hätte sie belustigt den Kopf geschüttelt und mit ihrer hellen Stimme gesagt: „Na, Dianei, wos du wieder ois woasst.“

Dann hätte ich wahrscheinlich auch gelacht und verstanden, dass meine Omi sich für solche Dinge nicht interessiert. Und uns einen Kaffee gemacht.

Dabei war sie ihr ganzes Leben lang genau das: ein kraftvoller Mond, zuverlässig da, in der Dunkelheit ein helles Licht.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Persönliches

Vor einigen Jahren sass ich mit meiner Omi in ihrem Wohnzimmer am dreieckigen Esstisch, wir haben uns über irgendwas unterhalten. Sie hat plötzlich nach hinten gegriffen, nach den Massbändern auf dem Fensterbrett, und langsam eines auf dem Tisch ausgerollt.

Bei Zentimeter 100 stoppte sie und sagte: „Schau, Dianei, des is unsa Leben.“

Und während sie ihren schon ein bisschen zittrigen Zeigefinger auf die 87 legte, sah sie mich mit einer Mischung aus Sorge und Erleichterung im Blick an. „Soweit bin i scho kemma, es is neamma vü übrig.“

In ihrem letzten Jahr.



Ich durfte meine Omi noch einige Jahre bei mir haben, die meisten davon gut.

Als ich im Sommer 23 die Nachricht erhielt, Omi wäre im Krankenhaus, es ginge zu Ende, war ich fassungslos, schockiert. Meine starke, unverwüstliche Grossmutter, die immer mit offenen Armen auf mich gewartet, die mit ihrer lieben, fröhlichen Stimme, die manchmal noch jung wie bei einem Mädchen klang, an jedem einzelnen meiner Geburtstage Lieder ins Telefon geschmettert hatte. Meine Omi mit dem verschmitzten Lächeln und den Augen, aus denen der Schalk blitzen konnte, sollte mich verlassen?

Ich durfte die nächste Zeit an Omis Seite im Krankenhaus verbringen. Sie war wahrscheinlich kaum wiederzuerkennen für jemanden, der sie nicht so gut kannte wie wir.

Schon immer an Omis Seite.

Meine Omi ist immer da gewesen, vom ersten Tag meines Lebens an.
Meine Schwester und ich hatten das grosse Glück, sie unsere gesamte Kindheit und Jugend an unserer Seite zu haben. Es gibt so viele Geschichten. Sie sind in meinem Kopf gekreist, als ich sie da hab liegen sehen, sehr klein und schwach und müde.

Ihre unendliche Geduld mit uns. Wir durften schon als winzige Stöpsel neben ihr, auf einem Hocker in der Küche stehend, Backerbsen umrühren. Und manchmal, wenn unsere Uroma uns aus ihrem riesigen Häfen Milchkaffee in die Sahnekännchen gefüllt hatte, setzte sie sich dazu und wir spielten MauMau. Die Kartenspiele, die ich kenne, hat Omi mir beigebracht.

Unsere gemeinsamen Urlaube, die immer noch die ganze Familie erheitern:

Omi, die durch das steilste Wasserrohr rutscht, weil wir Kleinen uns allein nicht getraut haben. Omi, die sich das Tauchen beibringen lässt. Omi, die sich einem wildgewordenen Pferd in den Weg stürzt. Omi, die seekrank über der Reling eines Touristenbootes hängt. Omi, die sich unser ewiges Geschnatter, Gesinge und Gezeter anhört.

Sie hat uns als trotzige, schläfrige Teenager morgens geweckt, immer wieder, im Fünf-Minuten-Takt. Sie ist nie böse geworden, wenn wir wortkarg und grantig am Frühstückstisch gesessen sind. Sie hat uns die guten und schlechten Noten unterschrieben, hat getröstet, hat ermuntert. Sie war bei allen Siegen und Niederlagen unseres Lebens dabei.

Meine Omi war eine pragmatische Frau. Als ich als Siebenjährige weinend aus der Schule kam, weil mein geliebter Pfarrer sich nicht überzeugen lassen wollte, dass mein Name nicht Elisabeth sei, war ihre knappe Antwort: „A da Pforra geht aufs Klo.“ Ich habe verstanden und war getröstet.

Dass Gottesmänner auch nur Menschen sind,
weiss ich von Omi.

Manchmal konnte sie nicht stark sein.

Spätnachts bin ich zu ihr in die Küche geschlichen. Sie sass allein am Tisch, die Köche, die Beiköchinnen, alle waren nachhause gegangen. Sie sass in der Dunkelheit, nur eine kleine Nachttischlampe hat gebrannt. Sie war so müde, dass sie die Augen kaum offen halten konnte. Ihr Kopf lag schwer auf die Hand gestützt. Mit der anderen Hand schrieb sie Zahlen in ein grosses Buch.

Ich war erschrocken, meine resolute Omi so zu sehen und wollte helfen. Einen Bestellzettel nach dem anderen hab ich diktiert, keiner durfte ausgelassen werden. So hat sie es mir beigebracht, so hat sie es uns allen beigebracht. Wir betrügen nicht. Wir sind anständige Leute.

Ich habe erst viel später in meinem Leben realisiert, wie stark meine Grossmutter wirklich war. Dass sie einen Weg gegangen ist, den sie sich nicht ausgesucht hat. Dass die grosse Liebe, die sie und meinen Grossvater, den ich leider nie kennenlernen durfte, verbunden hat, sie zur Wirtin gemacht hat anstatt zur Sport- und Handarbeitslehrerin. Dass sie diesen geliebten und geschätzten Mann so früh und auf so tragische Weise verloren hat.

Meine Grosseltern. Meinen Opa hab ich nicht kennengelernt. Meine Omi meinte aber immer, er hätte die allergrösste Freude mit all seinen Enkelkindern gehabt.

Ich hab oft zu ihr gesagt: „Omi, du bist so hübsch, so lustig, du findest hundert Männer.“ Da hat sie mich immer lang angeschaut: „Nit amoi a Bussl. I hob mein Mo ghabt.“

Sie hat vier Töchter, eine davon ist meine Mama. Es sind die besten Menschen, die ich kenne, liebevoll, hochanständig. Das hat sie geschafft, allein, trotz unendlich viel Arbeit und Verantwortung. Sie hat nie geklagt, ich kann mich nicht daran erinnern. Nur in ihrem letzten Jahr hat sie einmal zu mir gesagt: „Die schönsten Jahre meines Lebens waren die zwischen 60 und 80. Da hab ich so viel erlebt.“

Ich war immer stolz auf meine Omi. Egal, welcher meiner Freunde sie gekannt oder kennengelernt hat, sie waren einer Meinung: „Dei Omi ist echt cool.“

Sie war cool. In ihrem orangen, dann weinroten Volvo. Auf ihren vielen Reisen. In der grossen, später in den kleinen Küchen. Sie kochte unglaublich gut, aus dem Handgelenk. Sie hat mir fünfzig Mal gezeigt, wie man Muas macht. Ich hab es bis heute nicht hinbekommen wie sie.

Ich musste mir nie die Frage stellen, ob Frauen nur gut kochen und haushalten können müssen. Meine Omi führte einen Betrieb, fuhr Auto, war geschätzte Vorgesetzte, ein respektiertes Mitglied unserer Gemeinde, das Familienoberhaupt. So bin ich aufgewachsen, so habe ich es von ihr gelernt. Frauen können alles.

Sogar in meinen komplizierten Teenagerjahren hat Omi mich ertragen.

Manchmal war es auch schwierig. Wenn ich mit meinem langjährigen Partner auf Besuch gekommen bin, hat sie mich herzlich und liebevoll begrüsst, um sich dann noch herzlicher ihm zuzuwenden. Ich war schwer verletzt. „Omi“, hab ich sie gefragt, „ich bin doch dein Enkelkind, warum freust du dich über Haldun viel mehr?“

Sie drückte mich: „Weil er doch so guat auf mei Dianei schaut.“

Dass man gut auf ihre Dianei schaut, auf ihre Töchter, ihre Enkeltöchter und auf die Buam. Das war ihr das Wichtigste. Sie hat sich immer wenig eingemischt in Beziehungen. Aber sie war da, wenn man Rat und Stütze brauchte. Und ihr Rat war unaufgeregt, oft weise und je älter sie wurde von einer grossen Demut durchwoben. Vor dem Leben und dem Auf und Ab in jedem Menschen.

Sie konnte sich so gut freuen. Und sie konnte loslassen.

Sie musste vieles loslassen in den letzten Jahren, das Wandern, das Reisen, das Autofahren. Viele von ihr innig geliebte Menschen: ihre Brüder, ihre Freundinnen und Freunde und Gäste, die schon lang nicht mehr nur Gäste waren. „Es ist, wie es ist“, sagte sie manchmal und eine grosse Schwere umgab sie dabei.

In diesen letzten Wochen im Sommer 23, die ich meine Omi nah bei mir haben durfte, haben wir uns nochmal neu kennengelernt. Nicht nur von Grossmutter zu Enkelkind. Von Mensch zu Mensch. Ich hab in ihr alles entdeckt: das aufgeweckte Kind, das bildschöne junge Mädchen, die resolute Wirtin, die in jeder Hinsicht grosszügige Mutter, die liebevolle, warmherzige, gelassene Grossmutter. Und die uralte Frau, die genug hat.

Meine junge Omi.

Sie war bereit zu gehen, sie sagte mir einige Male: „Da Pepi woatet scho auf mi.“ Ich hab ihr, als ich abgereist bin, das Versprechen abgenommen, auf mich zu warten, bis ich sie mit Haldun in wenigen Wochen besuchen wollte. Sie versprach es und hat ihr Versprechen gehalten.

Beim letzten Mal, als ich sie sehen durfte, habe ich sie nichts mehr versprechen lassen. Wir wussten alle, dass es Zeit ist.

Omi, mein Leben ist so untrennbar mit deinem verbunden, dass mein Verstand sich weigert zu glauben, dass du nicht mehr da bist. Lass mich dein fröhliches Gesicht nie vergessen und die Liebe und Stabilität, die du mir mit auf meinen Weg gegeben hast. Ich danke dir, für dein Vertrauen in mich, für dein Vorbild, deine Güte und manchmal Strenge, für die vielen wunderschönen warmen Socken und Decken, die ich, wie wir alle, in Ehren halte, für die kostbaren Erinnerungen, viele davon werden mich bis zu meinem Ende in atemloses, tränenreiches Lachen ausbrechen lassen, hoffentlich oft im Kreise deiner Diandln
mit dir in unserer Mitte.

Meine Grossmutter Antonia Quehenberger starb am 27. August 2024.
Sie ist meine Stütze, mein Vorbild und mein Schutzengel. War sie immer.

Omi und ich. Eins unserer letzten gemeinsamen Bilder. Happy Birthday, mein Schatz.
Du fehlst mir so.

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