Das Universum kocht Milch.

Kann ein Tag ein Leben verändern?

Der Tag, der meines verändert hat, liegt über 40 Jahre zurück. Hat mich zu dem gemacht, was ich werden musste.
Und klopft beharrlich nach innen.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Projektorleben

Ich habe die Geschichte schon tausendmal erzählt.
Und es hindert mich niemand daran, es nochmal zu tun.

Ich war fünf.

Das Gehirn hat seltsam spektakuläre Arten, mit neu erworbenem Wissen umzugehen. Träume sind ein Weg. Oder das neue Wissen fokussiert die Wahrnehmung und scheint plötzlich überall sichtbar zu sein.

Überaktionismus, ausgelöst durch trügerische Selbstüberschätzung, ist eine weitere Frucht des Baumes.
Und diese Frucht habe ich gekostet.

Ich kann mich an die vorausgehenden Einzelheiten nicht genau erinnern, aber es muss viel passiert sein in den Tagen und Wochen, bevor ich entschied, mir selbst Frühstück zu machen.

Meine Mutter, im Normalfall die personifizierte Güte und mit scheinbar unendlicher Geduld für meine Schwester und mich gesegnet, muss wohl an diesen Tagen von etwas belastet gewesen sein, denn es gab zwei Vorfälle, aufgrund derer sie mich heftig tadelte und mich dadurch darauf aufmerksam machte, dass man mit Essen nicht spielt, sondern es zu essen hat. Außerdem solle man Chaos gefälligst selbst aufräumen und es nicht jemand anderem überlassen.

Zusätzlich hatte ich gelernt, den Herd zu bedienen.

Die letzte Zutat war ein sperriger, aber höchst appetitlicher Brocken Information. Ich hatte mich nicht wohlgefühlt, heisser Kopf und Halsweh, weshalb ich nicht in den verhassten Kindergarten gehen musste.

Meine Mutter holte das Fieberthermometer aus dem Küchenschrank, versorgt in einem schmalen, silberglänzenden Etui, dessen Deckel man wie den einer Füllfeder abziehen konnte. Sie steckte es mir unter die Achsel und stellte einige Minuten später nach einem kurzen Blick auf einen roten und einen blauen Strich neben einer Reihe von merkwürdig aussehenden Zahlen fest, dass meine Temperatur leicht erhöht war und ihre Entscheidung, mich zu Hause zu lassen, demnach richtig.

Das seltsame Ding, das in der Schulterhöhle stach und meiner Mutter einen Einblick in die Vorgänge meines Körpers zu geben schien, faszinierte mich. Ich liess mir erklären, was die Zahlen und Striche zu bedeuten hatten. Im Anschluss daran durfte ich das Thermometer selbst im Etui verstauen und an seinen Platz im Küchenschrank zurückbringen.

An dem Morgen, an dem neues Wissen in meinem Gehirn sich zu einem Brei vermengte, wachte ich ungewöhnlich früh auf.

Es war vielleicht halb sechs. Ich kletterte die kurze Leiter des Etagenbetts herunter und steckte meinen Kopf in die Höhle des unteren Schlafbereichs, in dem meine kleine Schwester noch tief und regelmässig atmete. Im Schlafzimmer meiner Eltern war es still.

Eine wilde Freude breitete sich in mir aus und liess mein Herz so laut klopfen, dass ich beide Hände darauf pressen musste, um niemanden damit zu wecken.

Ich war Herrin der Wohnung. Raum und Zeit existierten nur für mich. Es gab nichts, was mich aufhalten konnte.

Ich weiss es besser, jetzt, nach 40 Jahren.

Das kleine Universum, das ich war, hatte den unbändigen Willen, etwas zu unternehmen. Es ist gut möglich, dass ich kurz überlegt hatte, die Wohnung zu verlassen und auf die Wiese hinauszutreten, die damals in einem lebensgefährlichen Dreieck aus Fluss, Bahngleisen und Strasse lag. Aber die Stimme meiner Mutter hallte durch meinen Kopf mit der Geschichte vom Wassermann, der kleine Kinder vom Flussufer in die Tiefe reisst.

Und unser Dackel war wenige Monate zuvor gestorben, nachdem er, trunken von einer Impfung, in ihm völlig unbekannte Richtungen aufgebrochen und von einem der Züge erfasst worden war, die im gefühlten Minutentakt an unserem Haus vorbeibretterten.

Das alles bremste mich, aber das Universum glühte nach wie vor.

Energie will genutzt sein. Ich entschied, obwohl vollständig ohne Hunger, Frühstück zu machen.

Heisse Milch.

Schon bei dem Gedanken daran schüttelte es mich, aber neues Wissen ist fordernd und strebt nach praktischer Anwendung.

Also einen Topf auf den Herd, den Herd eingeschaltet, die Milch in den Topf, gespannt beobachten, wie die Milch zuerst Bläschen wirft und es zu rauschen beginnt, dann die Bläschen zu Blasen wachsen sehen und dann das Aufwallen der weissen Welle, da, wo das Geräusch bedrohlicher wird und direkt in meinen Bauch zu fahren schien.

Ich spürte Angst in mir hochsteigen, die ich mir nicht erlaubte, denn ich war zu gross. Ein ganzes Universum.

Ob der Milch wohl zu heiss wird, ob Milch Fieber kriegt?

Ich kletterte zum zweiten Mal in dieser Woche auf die Anrichte nach oben zu dem Schrank, in dem rechts neben Tassen und Schüsseln für Cornflakes und Schokoladenpudding das Thermometer lag, in seiner silbrig spiegelnden Hülle.

Als ich mich vorsichtig, in einer Hand das kostbare Gerät, mit der anderen Hand Halt findend, nach unten gleiten liess und meine Aufmerksamkeit wieder der Milchtopf zuwandte, um den es still geworden war, kochte es gerade über den Rand.

Die Angst war wieder da, doch ich wollte, MUSSTE zu Ende bringen, was ich angefangen hatte. Ich zog den Topf vom Herd, dachte sogar daran, den Drehknopf auf die Null zu stellen.

Um besser sehen zu können, stieg ich auf den niedrigen Holzschemel, ließ das Thermometer vorsichtig aus der Hülle in meine Hand gleiten und steckte dann seine silbrige Spitze in die Milch.

Ein leises Knacken ertönte, ein etwas lauteres Knacken gleich darauf und das Thermometer schwamm zweigeteilt in dem Topf mit Milch und Milchhaut und mir war zum Weinen, zum Schreien. Aber ich wusste, jetzt ist Ruhe angesagt, jetzt muss der Schaden behoben werden und dann husch, husch, husch, ab ins Bett und die Sache vollständig und gnadenvoll vergessen.

Ich war schnell und nach eigener Einschätzung gründlich, fischte die verwundete Glasröhre aus der Milch, spülte sie unter kaltem Wasser, trocknete sie ab, steckte sie zurück in die nun so nutzlose Schutzhülle, legte sie an ihren angestammten Platz, wischte die Milch vom Herd, kümmerte mich nicht um die eingebrannten Reste und widerstand der Versuchung, den Topf über der Spüle auszuschütten, denn mit Essen spielt man nicht. Man isst es.

Ich leerte den Rest Milch in meine Kindertasse.

Das Universum war zum Sandkorn geschrumpft.

Das wieder müde Kind, erstarrt, mit kalten Füssen und einem noch kälteren Loch der Angst im Bauch, schlüpfte zurück ins Bett und schlief augenblicklich ein.

Der Ruf meiner Mutter weckte mich.

Mein Name wirbelte gellend und dringlich durch die Wohnung, mein voller Name.

Ich schlich in die Küche, wo meine Mutter, riesengross und bebend, vulkangleich feuerspuckend, auf das Chaos zeigte, das ich Stunden vorher hinterlassen hatte.

„Und deine Milch kannst du trinken, sonst gibt es heute kein Frühstück.“

In meinem Hirn wirbelte es.

Ich glaube, ich habe mich an einer winzigen Erklärung versucht, etwas gestammelt von einem Thermometer, von einem kleinen und einem großen Knacken, aber meine Mutter hörte nicht zu, sondern bestand darauf: „Zuerst trinkst du deine Milch.“ Und dann trank ich.

Trank bis zur Neige.

Meine Mutter warf noch einen Blick hinein und erstarrte, denn winzige silbrige Kügelchen schwammen im letzten Schluck.
„Was ist das?“, fragte sie in Panik. Der Vulkan war erloschen. Zurück blieb meine Mutter. Jetzt war sie klein wie ein Zwerg.

„Das Thermometer“, flüsterte ich.

Sie zog an der Schranktür und fand das schmale Etui, öffnete es. Heraus glitten die Teile, zerfasert an den Rändern. Es schien mir, als würden sie leise weinen.

Da weinte ich auch. Meine Mutter weinte und meine kleine Schwester, die noch immer im fernen Bett lag, schloss sich uns allen an.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie wir im Krankenhaus gelandet sind, wieso mein Vater plötzlich da war, wie fest ich gehalten wurde von meinen Eltern, wie besorgt der Arzt aussah. Ich erwachte erst wieder aus der Starre, als der Arzt Entwarnung gab. „Unbedenklichkes Quecksilber. Unnötig, den Magen auszupumpen. Du hast grosses Glück gehabt, Kind. Mach so was nicht noch einmal.“

Ich erwachte aus der Starre und verfiel in Panik.

Nie wieder, nie wieder, bitte nie wieder.

Und dann: Das Universum, das fünfjährige, bäumte sich in mir auf. Eine Woge der Erleichterung, so gross, dass mir der Atem stockte, überschwemmte mich und riss mich mit.

Es wird nie wieder passieren. Es liegt in meiner Hand.

Ich bin Lili.

Das kleine Universum, das sich verrechnet hat.

Ich kann Dinge in Bewegung bringen.
Und es macht Angst, die Konsequenzen zu tragen.

Wir alle ohne Angst?
Hui.

Etwas bewegt sich in einem Ei. Wie ein kleiner Vogel, der aufgewacht ist.
Und dich ansieht. Wann verdammt lässt du mich endlich raus?

Lass ihn raus.
Schau hier.



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