Was ist Human Design? Eine persönliche Annäherung an das System der Selbsterkenntnis

Was ist das denn eigentlich, dieses Human Design?
Die Frage wird mir oft gestellt.
Zu meinem Erstaunen habe ich sie im Laufe der Jahre nicht eindeutiger zu beantworten gelernt. Im Gegenteil: Es scheint immer schwieriger zu werden.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Über Human Design

Eine mögliche Antwort lautet:
Human Design ist ein System zur Selbsterkenntnis, das aus deinen Geburtsdaten eine Körpergraphik berechnet. Diese zeigt, wie du von Natur aus angelegt bist: wo deine wahren Stärken liegen, was dich davon abhält, diese Stärken zu leben und wie du Entscheidungen triffst, die für dich stimmen.

All das ist richtig, aber nicht vollständig genug. Human Design ist kein Wissen, das man versteht und dann abhakt. Es ist eine Einladung zu einer Erfahrung. Und Erfahrungen lassen sich nur begrenzt in Worte fassen.

Ich versuche hier dennoch einen bescheidenen Anfang.

Erfahrung durch die Jahre

Jahr 1

Im ersten Jahr meines Human Design – Studiums habe ich es mir täglich gewünscht: dass jeder zumindest die Eckdaten seines Designs kennen würde. Nur die allerwesentlichsten Punkte: den Typus, die Strategie, die Autorität.
Damit kommt ein bisschen Licht ins Dunkel der Frage: Warum wiederholen sich die Dinge auf eine Art und Weise, die mich unglücklich machen?

Wäre das Leben nicht einfacher, wenn man das wüsste?

Jahr 2

Im zweiten Jahr habe ich täglich mit dem Wissen gehadert. Nicht, weil es falsch ist. Sondern entlarvend. Und weil eine der wichtigsten Aussagen im Human Design lautet: „No choice.“

No Choice kann sehr triggernd sein. Wir haben gelernt, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen muss. Wir haben gelernt, dass wir frei sind zu entscheiden.

Im zweiten Jahr meines Human Design – Studiums musste ich erkennen: Die Wahlmöglichkeiten beginnen oberhalb des Fundaments, auf dem meine Existenz ruht.
Das Fundament selbst – no choice.

Jahr 3

Im dritten Jahr war ich fast täglich verbittert. Über die Menschen, die Human Design in die Welt hinausposaunen, manchmal grundlegend falsch, manchmal in den Details sehr ungenau und deshalb umso irreführender.

Ich fand Podcasts und Social Media Posts von Leuten mit sehr grosser Reichweite, die zwei Tage oder zwei Wochen zuvor ihr erstes Reading hatten. Die alles durcheinander brachten, die Dinge sagten, die mich, hätte ich zuvor noch nie etwas über Human Design gehört, seelisch zerschmettert hätten. Am Ende kam der Call to Action: Willst du wissen, wer du bist? Melde dich hier für €444 an! Und die Leute haben gekauft.

Jahr 4

Im vierten Jahr musste ich eine Pause machen vom Studieren, denn mein Kopf war voll. So voll, dass ich vergessen hatte, dass es auch ein Leben gibt und in diesem Leben mich. Und dass es manchmal Zeit braucht, bis ein Wissen in einem Verstand ankommt und der Verstand sich dann schlussendlich selbst eingesteht: Ich habe keine Ahnung.

Es ist schmerzhaft und heilsam, wenn der Verstand sich beginnt zu verneigen. Weil damit Raum frei wird, in dem der Körper seine Stimme entfaltet.

In diesem vierten Jahr habe ich begonnen, mich wieder zu spüren als die, die ich als Kind war. Und von der ich geglaubt hatte, sie wäre für immer verloren.

Jahr 5

Im fünften Jahr lichtete sich ein Nebel. Er war nicht vollständig verschwunden, da hing immer noch eine milchige Trübung in der Luft. Aber ich sah klarer als zuvor, auf mich und die Welt um mich herum. Ich glaube, das war mein bestes Jahr bisher, mein echtestes.

Im sechsten Jahr mussten Dinge sich auflösen. Wenn man sich selbst ein Stück wiedergefunden hat und plötzlich klarer sieht, kann man nicht mehr so gut wegschauen. Das macht das Leben nicht einfacher, aber definitiv wahrer.

Jahr 7 naht

Ich stehe kurz vor der Schwelle in mein siebtes Jahr, das letzte Jahr von Zyklus 1.
Es ist immer noch ein Anfang.

Einer meiner wichtigsten Lehrer ist Peter Schöber, der mir mein erstes Reading gegeben hat. Am Ende dieses Gesprächs meinte ich: „Ich will alles lernen, was es über Human Design zu lernen gibt.“ Und seine Antwort war: „Naja, ich bin jetzt 30 Jahre im Design und hab vielleicht die Hälfte des Wissens durchdrungen. Aber du hast ja noch Zeit.“

Jetzt könntest du sagen: Ich bin nicht klüger als vorher. Erklär es besser.

Aber ich weiss nicht, ob ich das will oder darf.
Je mehr ich von meinen persönlichen Erfahrungen berichte, desto enger wird dein eigener Erfahrungsraum. Du sollst erwartungslos bleiben.

Vielleicht trägt zu einem tieferen Verständnis bei, was der Begründer von Human Design darunter verstanden hat.

Die Wissenschaft der Differenzierung

Human Design wurde von seinem Initiator Robert Allan Krakower als die „Wissenschaft der Differenzierung“ bezeichnet. Das hat ihm viel Kritik eingebracht. Die meisten Menschen dieser Welt wollen verifizierte Studien sehen. Wollen schwarz auf weiss lesen: Human Design wurde von 27 renommierten Forschungsinstituten auf Herz und Nieren überprüft und das Urteil lautet einstimmig: Es funktioniert.

(Mittlerweile gibt es solche Studien. Ich weiss von mehreren Menschen, die Human Design aus der Ecke „Pseudowissenschaft“ holen wollen und seit mehreren Jahren konzentriert und gewissenhaft Ergebnisse sammeln. Ob diese Studien bereits veröffentlicht wurden, weiss ich hingegen nicht. Mich interessieren solche Dinge nicht mehr so sehr.)

Ohne Differenzierung kein Fortschritt

Was Robert Allan Krakower, der sich später das Pseudonym Ra Uru Hu zulegte, gemeint hat: Es ist eine Wissenschaft, denn Human Design dient als Ausgangspunkt für eine individuell gelebte Selbstbeobachtung, die durchaus sehr eindeutig evaluiert werden kann – von dir selbst. In dieser Hinsicht war Ra immer klar: „Glaub nicht, was ich dir sage. Probiere es aus.“

Der Begriff Differenzierung ist für den ersten Zweck auch rasch erklärt und würde von vielen grossen Denkern, die auf dieser Erde leben und gelebt haben, abgenickt werden: Wir kommen authentisch einzigartig auf die Welt und werden durch Konditionierung immer mehr gleichgeschaltet. In dieser Gleichschaltung verlieren wir uns und das Potential, das in uns liegt, aus den Augen. Was insofern tragisch ist, dass der Fortbestand von Leben von den Differenzen, den Unterschiedlichkeiten abhängig ist. Anders wäre Evolution gar nicht möglich gewesen.

Als „Wissenschaft der Differenzierung“ gibt Human Design uns also die Möglichkeit, hinter den Schleier der Gleichschaltung zu sehen und zu erkennen, was da an echter Einzigartigkeit in jedem von uns angelegt ist. Hinter dem Schleier finden wir den bunten Raum, der uns unverwechselbar macht.

Vielleicht wäre Human Design weniger angegriffen worden, wenn Ra sich als Funktionsbeschreibung etwas ausgedacht hätte wie „Eine ausschliesslich individuell erfahrbare Selbsterforschungsstudie, die einen Menschen dazu befähigt, sich selbst als einzigartig zu erkennen und gerade aufgrund dessen lieben zu lernen“. Das ist natürlich zu lang und kompliziert, würde den Nagel aber auf den Kopf treffen.

Was Human Design nicht ist

  1. Es ist keine Hellseherei.
    Eine Körpergraphik ist eine Landkarte, nicht die Landschaft. Die Landschaft kennst nur du.
    Was ich damit sagen will: Ein kompetenter Analytiker kann aus deiner Körpergraphik erstaunlich viel herauslesen. Aber wie es sich anfühlt, du zu sein und dein Leben zu leben – das weisst allein du.
  2. Es ist keine Wahrsagerei.
    Es kann nicht die Zukunft vorhersehen. Allerdings kann es zukünftige Konstellationen erkennen und darauf basierend Aussagen treffen, die uns auf deren mögliche Auswirkungen vorbereiten.
  3. Es ist kein Allheilmittel.
    Anzunehmen, ein Reading würde dein Leben schlagartig verändern, dir Gesundheit, Liebe, Reichtum und Erfolg bringen, wäre naiv. Human Design gibt dir etwas an die Hand, das dir hilft, dich in einer Welt der Gleichschaltung nicht länger machtlos gleichschalten zu lassen. Damit öffnen sich neue Wege. Wohin die führen, zeigt die Zeit.
  4. Es sollte kein Weg zur Selbsterhöhung sein.
    Human Design eignet sich, je nachdem, wie es vermittelt wird, sehr gut, um das eigene Ego zu streicheln. Aber damit würde sein Potential tragisch eingeschränkt, zeigt es doch auf, was in der Tiefe eines Menschen zu finden ist – das Schöne genauso wie das, was man sich selbst nicht gern eingesteht. Sich darauf einzulassen kann ebenfalls das Ego streicheln. Oder es endlich entwaffnen.
  5. Es ist kein vager Esoteriktrend.
    Sondern sofort umsetzbares, praktisch anwendbares Wissen, konkret, äusserst präzise und manchmal gnadenlos nüchtern, und kann dir helfen zu erkennen, was wir jenseits des Egoverstandes sind: ein Bewusstsein in einem Körper, das hier ist, um das Menschsein zu üben.

Was Human Design bewirken kann

Auch hier will ich vorsichtig sein, denn die Auswirkungen sind so vielschichtig und einzigartig wie der Mensch, der sich damit beschäftigt. Eine Garantie gibt es nicht.

Es gibt nur wieder meine Perspektive, die ich dir anbieten kann. Sie ist bewusst sehr kurz gehalten und umfasst Beobachtungen aus meinem Leben und dem Teilen von Erfahrungen vieler anderer, die Human Design ernsthaft erforschen. Und nicht zuletzt gründet dieser Kurzüberblick auf dem Feedback der Menschen, mit denen ich arbeite oder gearbeitet habe.

  1. Human Design kann Ruhe schenken.
    Es mag ein bisschen befremdlich klingen, aber Human Design erzählt dir in Wirklichkeit nichts gänzlich Neues. Viel eher seufzt man auf und sagt: „Ich weiss.“

    Durch die Eindeutigkeit der Aussagen, die ein kompetenter, achtsamer Mensch anhand deiner Körpergraphik über dich macht, fühlt es sich wie eine Erlaubnis an, endlich anzuerkennen, was immer schon da war oder nie dazugehört hat.
  1. Human Design kann Beziehungen verbessern –
    zu deinen Kindern, deinem Partner, deinen Mitmenschen. Allen voran deine Beziehung zu dir selbst.
  1. Human Design kann dir Entscheidungshilfe bieten.
    Ich glaube, das ist der Punkt, warum ich diesen Artikel schreibe, warum ich Kontinent 8 gegründet habe und warum ich vermutlich bis an mein Lebensende Human Design – Forscherin bleiben werde: Weil ich es heute für die wichtigste Kompetenz halte, Entscheidungen unabhängig von einer immer schneller und orientierungsloser werdenden Welt treffen zu lernen.

    Diese Kompetenz garantiert eine Stabilität, die im Aussen nicht mehr leicht zu finden ist. Die Arbeit daran ist weder einfach noch immer schön. Aber sie schafft eine gesunde Basis.

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