Am liebsten hab ich meine Ruhe. Die innere, mein ich. Mein Frieden geht mir über alles.
Egal, wo ich mich rumtreibe und was ich gerade mache: Es wäre schön, wenn mich nichts aus dieser Ruhe holt. Und ich bin sehr geschickt darin geworden, sie aufrecht zu erhalten.
Viele meiner Strategien sind absolut brauchbar. Die sind mir entweder in die Wiege gelegt oder durch Erfahrung stark und stabil geworden. Und manche Strategien funktionieren gar nicht. Weil sie geradewegs in den inneren Aufruhr führen. Eine davon ist: mich gelassener zu geben, als ich tatsächlich bin. Das fällt mir immer auf den Kopf.
Wenn Gelassenheit Deckmantel ist
Wenn Gelassenheit dafür herhalten muss, meine Feigheit zu decken, merke ich, dass ich mich drücke. Im zweifachen Wortsinn: Ich drücke alles, was hochkommt, runter. Um mich davor zu drücken, Stellung zu beziehen.
Es funktioniert ziemlich lange. Bis das, was ich unterdrückt habe, mit aller Macht raus will. Das ist dann meistens nicht besonders schön. Und verwandelt mich für die nächsten Tage in ein zitterndes Paket Schamgefühl. Mein strenger Verstand sagt: Das darf nicht mehr passieren. Und schon stecke ich in derselben Spirale drin. Die unweigerlich wieder am selben Punkt endet.
Am Montag zum Beispiel hab ich die Kinder meiner Klasse angebrüllt. Es war ein kurzes, aber heftiges Gewitter, nachdem ich den ganzen Morgen versucht hatte, ihnen auf unterschiedlichste Arten klarzumachen, dass es so laut und unkonzentriert keinen Spass macht. Also, dann hab ich gebrüllt. Und musste mich am Nachmittag gleich dem Anruf eines Vaters stellen, der meinte, ich solle gefälligst sein Kind nicht anschreien, immerhin hätte ich mir den Job als Lehrerin selbst ausgesucht.
Den Anruf des Vaters habe ich unaufgeregt, kompetent und ohne ein Wort der Rechtfertigung hinter mich gebracht. Die Situation an sich begleitet mich immer noch. Ich verzeihe mir sowas nicht. Und genau das hat mich an den Punkt gebracht, wieder einmal sehr genau hinzuschauen. Wie gehe ich am geschicktesten mit Konflikten um?
Wann was sagen und wann nicht?
Dazu eine Beobachtung.
Ich weiss im Moment des Konfliktes nicht immer, was jetzt dran ist: Reden oder schweigen? Etwas sagen oder doch lieber nicht? Und wenn was sagen, wie?
Ich weiss es im Moment nicht immer. Ich weiss es aber mit absoluter Sicherheit in der Nacht und am nächsten Morgen.
Wenn ich in einer Situation korrekt gehandelt oder korrekt nicht gehandelt habe, schlafe ich wie ein Stein. Die Situation ist nur eine Erinnerung unter vielen, die schnell verblasst. Sie ist einfach vorbei.
Wenn nicht, schlafe ich unruhig und schwitze.
Ich schwitze, weil es in mir kocht.
Und was kocht auf Höchststufe vor sich hin? Die Scham.
Die Scham, entweder nicht für mich eingestanden und feige gewesen zu sein. Oder es komplett übertrieben zu haben. Beides fühlt sich für mich ganz genau gleich an. Und ist so unangenehm.
Das unangenehmste, destruktivste Gefühl, das ich kenne, ist Scham. Durchmischt mit Ängsten, Selbstvorwürfen und einer dumpfen Wut, die sich nicht entscheiden kann, gegen wen sie eigentlich gerichtet ist.
Die Scham bleibt nicht einfach über Nacht, sondern manchmal wochenlang. (Ich gebe es ungern zu, aber es kommt vor, dass es mich wie ein Blitz trifft: Oh Gott, DAS habe ich vor 27 Jahren gesagt??)
In meinem dritten Untergeschoss gibt es eine Abteilung, die ich für überholt halte. Ich habe schlicht keine Lust mehr auf die. Sie nimmt mir den Platz für das, was jetzt eigentlich dran wäre. Die Abteilung trägt den Titel: „Dinge, die ich am liebsten vergessen will und die sich ums Verrecken nicht vergessen lassen.“
Ich habe auf Hochtouren aussortiert. Und dabei ein Muster festgestellt:
Immer, wenn ich nach einer schwierigen Situation erfrischt und trocken wie ein Knochen aufgewacht bin, war ein Kriterium gegeben: Ich befand mich während des Konflikts in einem Zustand fast vergnügter Klarheit.
Wow. Wieso ist mir das nicht früher aufgefallen?
Vergnüglich konflikten
Kann man in einem Konflikt vergnügt sein?
Ja. Kann man. Kann ich. (Und wenn ich das schaffe, schafft es jeder.)
In jedem Konflikt, in dem diese vergnügte kleine Pippi Langstrumpf-Freude mit an Bord war, habe ich ihn gesund gemeistert. Und dafür musste ich nicht einmal immer etwas sagen.
Ich stelle fest: Wenn ich vergnügt bin, bin ich klüger. Haha, da muss ich laut lachen. Und ein bisschen weinen, weil es so wahr ist.
Vergnügt bin ich klüger. Das ist wahr.
Das heisst im Umkehrschluss: Wenn ich nicht vergnügt bin, sondern getriggert, alarmiert, im inneren Stecknadelmodus, in Kampfbereitschaft — bin ich dumm. Und sollte besser nichts sagen. Da ist Schweigen wahrlich Gold. Sonst bezahle ich für die sehr kurze Phase der Erleichterung mit tiefen Augenringen und nächtlichem Gedankenkarussell.
Das war in meinem Leben noch nie anders. Musste ich feststellen. (Ich brauche leider oft ewig, um Dinge wirklich zu verstehen. Damit finde ich mich auch langsam ab.)
Ich sag dir: Während ich das hier schreibe, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich habe mir soeben das Gebrüll vom Montag verziehen.
Das grosse Aber
Jetzt kommt das grosse Aber:
Aber was, wenn ich mich nun mal nicht vergnügt fühle, sondern richtig schmerzhaft provoziert?
Also. Ich kann es darauf ankommen lassen, die Nacht unruhig zu schlafen und ein weiteres Bändchen in die blöde Ecke der Bibliothek stellen. Geht. Überlebt man auch irgendwie.
Ich kann mir selbst einen Gefallen tun und es verschieben. Wie Scarlett O’Hara das tut.
(Warte, ich muss das Buch holen.)
Morgen auf Tara will ich darüber nachdenken.
Margaret Mitchell, „Vom Winde verweht“
Dann werde ich es ertragen.
Morgen wird mir schon einfallen, wie ich ihn mir wieder erobere.
Schliesslich, morgen ist auch noch ein Tag.“
Ende
Ja, lass es uns auf morgen schieben. Und das auch sagen.
„Weisst du was, reden wir später. Jetzt kommt dabei nichts Gutes raus.“
Und: Ich kann meinen Verstand austricksen und mich selbst aus dem Stecknadelmodus in die vergnügte Klarheit bringen. Das funktioniert oft richtig gut.
In der Langstrumpfzone: Eine Spielidee
Ich bin ein grosser Spielefan.
In meiner beachtlichen Ideensammlung aus meiner Kindheit, meinen Ausbildungen und eigenen Methoden ist auch dieses kleine Ding enthalten. Es ist ein Gemisch aus dem, was ich von klugen Leuten gelernt habe. Die Tafelrunde zum Beispiel ist ein abgewandeltes Konzept von Friedemann Schulz von Thun, das sich in der Schule als Expertenrunde durchgesetzt hat.
Bei Felicitas Frey habe ich damit zu spielen begonnen.
Das WERDE Pippi Langstrumpf
Eine Spielanleitung für Momente, in denen es eng wird
Die Vorarbeit
Stell dir vor, du wärst die Königin der Tafelrunde.
Die Tafelrunde kennst du. Da sitzen lauter edle Gestalten um einen riesigen runden Tisch.
Und alle haben nur ein Ziel: dich zu unterstützen.
Wer sitzt an deiner Tafelrunde? Zeichne oder schreib das auf.
Du spielst. Das heisst, du kannst dir wünschen, wer da sitzen soll.
Bei mir sind es aktuell meine Mama, meine Omi und meine Schwester, eine Schnecke, die Klarheit mit dem Wasserkrug, Byron Katie, Dr. Hew Len und natürlich Pippi Langstrumpf.
Wenn für den Anfang nur eine Person an deiner Tafelrunde sitzt, ist das genau richtig so.
Fang an.

Wach werden
Ein Trigger weckt etwas in uns auf.
Das, was aufwacht, sagt: Schau hin. Hier ist noch etwas ungeklärt.
Was ist da? Spür kurz in dich rein.

Erden
Du hast festen Boden unter den Füssen.
Die Erde trägt. Du stehst stabil und sicher.
Verbinde dich mit dem Boden unter dir.

Raum schaffen
Wenn du eng wirst in Brust und Hals, atme.
Zuerst aus. Dann ein. (Ja, zuerst aus.)
Atme dich weit.

Drehen
Deine Tafelrunde lässt sich drehen wie ein Roulette.
Mach das in Gedanken. Wer sitzt jetzt an deiner Stelle? Was würde er oder sie sagen und tun?
Lass dir helfen.

Einsammeln
Du lernst. Mach dir das bewusst.
Jede gelebte Erfahrung, egal, wie schmerzhaft sie ist, wird zu einem Goldstück in deiner Schatzkiste.
Du lernst dich gerade reicher.
Immer wieder im Übungsfeld
Ja, mmh.
Das kam mir jetzt ganz schön lang so vor.
So viel gelernt, so wenig verstanden.
Und immer wieder in dieselben Fallen gerutscht: Zu viel gesagt oder gar nichts. Mich provozieren lassen. Gekämpft, den Schwanz eingezogen.
Und selten hat es sich gut angefühlt.
Und dann?
Dann gibt es nur eins: Raus damit.
Ja nicht drin behalten. Bring es raus, irgendwie.
Etwas laut auszusprechen wirkt Wunder. Auch, wenn du alleine bist.
Nimm dir selbst eine Sprachnachricht auf, sprich dich frei.
Schreibe.
Schreie.
Streite mit dem Gegenüber, auch wenn das gar nicht da ist.
Fülle ein Arbeitsblatt von Byron Katie aus.
Renne.
Zerreiss den ganzen Stapel Altpapier.
Schau einen sehr traurigen Film und weine alles raus.
Tu, was immer dir einfällt. Aber behalt es nicht in dir drin.
Was in dir schreit, muss gehört werden.
Sonst wirkt es aggressiver als die aggressivste Säure.
Das willst du nicht.
Die frisst dich von innen auf, die lässt dich ausgehöhlt zurück, die macht Platz für alles, was du dir sehnlichst wegwünschst. Und es wird schwieriger und schwieriger, vergnügt und gelassen zu bleiben bei möglichst vielem, was kommt.
(Und denk immer dran, es geht auch anderen so. Mir, zum Beispiel.)
Ja, ich bin konfliktscheu. Und deshalb immer wieder im Konflikt mit mir selbst.
Aber ich lerne. Und wachse. Und scheitere. Leide daran immer weniger lang.
Und schlafe doch meistens richtig gut.
Ich bin Lili.

Ich hab keine Lust mehr, ständig gegen mich selbst zu kämpfen.
Das wird mir klarer und klarer.
Einfach damit aufhören? Schön wär’s.
Den roten Knopf gibt es nicht.
Es gibt aber Raum.
Und wenn ich ihn öffne,
wird es leichter.
Und manchmal sogar richtig vergnügt.
Wenn du merkst, dass du dich immer wieder im selben inneren Kampf verlierst:
Schau mit mir gemeinsam hin.