Ich muss schon sagen: Dafür, dass wir Projektoren immer als die energielosen Luschen unter den Human Design-Typen abgestempelt werden, ist mein Leben erstaunlich actionreich.
Ich finde das meistens okay. Aber wenn mir mal wieder jemand auf die Pelle rückt und ein starker Mann eingreifen muss, um mich vor handfester Prügel zu bewahren, gibt es auch die Momente, wo ich mir wünschte, ich wäre schön brav im Keller geblieben.
Das mit der Projektor-Aura ist nämlich nicht zu unterschätzen.
Meine Aura ist fokussiert, mein Blick kann durchdringend sein. Ich wusste das ja ewig nicht. Und als es mir dann erklärt wurde, sind mir schon ein paar Lichter aufgegangen.
Ich halte mich seitdem zurück mit dem Schauen. Ich schaue nur noch, wenn es wirklich nötig ist. Oder wenn ich so geschockt bin von dem, was vor meinen Augen passiert, dass ich alle guten Vorsätze vergesse. Weshalb ich dann manchmal fast eine aufs Dach kriege.
Mir ist etwas Bedenkliches aufgefallen: Es laufen gerade erstaunlich viele Menschen durch die Gegend, die nur darauf zu warten scheinen, dass jemand eine unsichtbare Grenze überschreitet – um dann in einen Tobsuchtsanfall auszubrechen, der sich gewaschen hat.
Und ich habe den Verdacht, dass es besonders die Sensiblen sind, die, die übermässig viel mitkriegen und ihre Antennen überall gleichzeitig haben, die sich so unheimlich schwer damit tun, die innere Ruhe zu bewahren. Einfach zu viel Input. Was auch erklären könnte, warum gerade die meine meist zufällige und unbeteiligte Anwesenheit als zusätzlichen Angriff erleben.
Gerade letztens ist mir ein älterer Mann begegnet, der hektisch eine wenig belebte Fussgängerzone auf- und abhetzte. Er sah etwas verwahrlost aus, aber körperlich topfit. Flink wie ein Hase lief er zuerst in die eine Richtung, kehrte dann abrupt um und kam wieder ein Stück zurück. Er schien jemanden zu suchen — sein Blick fuhr hin und her, seine langen Zottelhaare schwenkten loyal mit.
Den drei Fussgängern, die vor mir unterwegs waren, war anzusehen, dass sie sich auch nicht ganz wohl fühlten — zuerst wurden sie langsamer, dann schneller, dann wieder langsamer. Ich entschied, in deren Windschatten zu bleiben, um möglichst unbemerkt vorbeizukommen. Da hatte er mich schon.
Er zeigte mit seinem Finger auf mich. „Du!“, rief er mir zu.
Ich muss vielleicht vorausschicken, dass ich ein zu Anstand erzogener Mensch bin. Obwohl ich in den letzten Jahren ziemliche Fortschritte gemacht habe in meiner Kompetenz, Situationen dahingehend einzuschätzen, ob statt Anstand vielleicht eher diplomatischer Rückzug oder energischer Vorstoss angebracht wären, komme ich aus dieser Dienstleistungshaltung manchmal immer noch nicht schnell genug heraus. In diesem Fall gesellte sich zudem ein bisschen Mitgefühl dazu – der Mann hatte es offensichtlich nicht leicht. Vielleicht wollte er mich ja nur schnell etwas fragen.
Er stand schon neben mir. „Hast du Kleingeld?“
Ich lächelte ihn kurz an und wandte den Blick ab, um aus meinem Portemonnaie einen Fünfliber zu kramen, drückte ihm das Geldstück in die Hand und wollte weiterlaufen. Er sagte: „Starr mich nicht so an.“
Früher hätte ich mich verteidigt. Früher hätte ich ganz sicher gesagt: „Ich starre nicht. Ich schau ja nicht mal.“ Heute mache ich das nicht mehr. Ich sehe zu, dass ich Land gewinne, so schnell wie möglich. Er rief mir noch ein paar unschöne Wörter hinterher, was mir ziemlich egal war. Meine Aura und ich machten uns aus dem Staub.
In einem französischen Restaurant auf dem Jakobsweg war ich leider nicht so schlau gewesen.
Wir hatten uns zu sechst verabredet, vier sportliche Männer, eine weitere Frau und ich, um uns nach einem anstrengenden Wandertag mit einem Abendessen zu belohnen. Eine Reservierung hielten wir für unnötig, es war noch lang nicht Hauptsaison und das Städtchen ziemlich ruhig.
Als wir das Lokal betraten, warf uns die Kellnerin einen Blick zu, der mich ein bisschen beunruhigte. Er war freundlich, sogar herzlich. Aber es schwang Besorgnis darin mit.
Wenig später wurde klar, warum.
Der mittelgrosse Speiseraum hatte sich gut gefüllt, die Stimmung war heiter — da hörte ich aus der Küche Geschrei. Die Tür wurde heftig aufgestossen und der Koch stand mitten im Raum. Er sah sich mit mühsam unterdrückter Wut um. Die Gespräche verstummten, alle starrten ihn an.
Wir sechs sassen an einem grossen Tisch an der Wand, mein Platz war der ganz links an der hinteren Kante, neben mir mein Wanderkollege Simon, daneben Eladia, uns gegenüber unsere drei Begleiter. Mein Französisch ist nicht besonders gut, ich verstand nur die Hälfte von dem, was der Koch da schrie. Er war ausser sich vor Zorn. Aus sicherer Entfernung linste ich hinter Simons Rücken auf die bedrohliche Szene. Ich hatte den dringenden Impuls, aufzuspringen und davonzulaufen.
Mit einem Ruck drehte der Koch sich in unsere Richtung und lief auf unseren Tisch zu. „Seid ihr die Arschlöcher ohne Reservierung?“, fragte er uns auf Französisch. (Das verstand sogar ich.)
Bernard, ein Schweizer aus dem Wallis, blieb gelassen und bot ihm freundlich an, dass wir gehen und uns ein anderes Restaurant suchen könnten, das sei überhaupt kein Problem. Das provozierte den Koch nur noch mehr. Er schien komplett die Fassung zu verlieren. Ich hatte den Eindruck, das letzte bisschen Seelenheil würde gerade in kleinen Lichtblitzen aus ihm herausgepresst. Er wirkte wie eine eiskalt sprühende Wunderkerze. Ich vergass mich und sah ihn fassungslos an.
Sein Blick wandte sich mir zu. Er nahm mich voll ins Visier. Ich schien wie an ihm festgeklebt. Und konnte nicht wegsehen. Für wenige Sekunden, vielleicht zwei oder drei, starrten wir uns in die Augen. Seine glühten vor Wahnsinn, meine waren weit aufgerissen. Gar nicht so sehr aus Angst. Eher aus tiefem Schrecken darüber, was aus einem Menschen werden kann. Sein Wortschwall traf mich so hasserfüllt, dass ich heute noch froh bin, nicht alles verstanden zu haben. Das letzte, was er zweimal schrie, bevor er sich blitzschnell über den Tisch beugte, um mich zu packen, war: „Arrête de me regarder!“ — Hör auf, mich anzusehen.
Bernard und Simon waren beide aufgesprungen. Bernard rief dem Koch beruhigend zu, dass ich kein Französisch sprechen und ihn nicht verstehen könne. Die Kellnerin war inzwischen an den Tisch gerannt. Sie sah uns entschuldigend an und führte den Mann aus dem Speiseraum. Wir blieben, obwohl ich bis heute nicht verstehen kann, wieso. Ich war völlig erschüttert, meine Begleiter auch. Vielleicht haben wir uns deshalb nicht bewegt.
Das Essen war übrigens fantastisch. Immerhin.
Manchmal frage ich mich:
Warum passieren solche Dinge eigentlich immer mir?
Meine vorläufige Antwort: Weil ich sie aushalte. Und dann darüber schreiben kann. Und weil das vielleicht jemand anderem hilft, Situationen besser einordnen und sich im Fall der Fälle auch schützen zu können.
Die Aura eines Projektors ist spürbar. Besonders für sensible und belastete Menschen.
Das wollte ich gern nochmal gesagt haben.
Ich bin Lili.

Und selbst immer wieder überrascht, dass Herr Watzlawick offenbar völlig recht hatte mit seiner Behauptung, man könne gar nicht nicht kommunizieren.
Wenn dich interessiert, wie DEINE Aura ins Gespräch kommt, schau hier.