Ohne Dreck kein Abenteuer: Ich glaub, ich bleib 3D.

Im Grunde ist Selbsterforschung simpel:
Schau hin. Alles, was du suchst, findest du in dir.

Aber was, wenn du dabei Dinge entdeckst, die den Sprung nach 5D eher unwahrscheinlich machen?

Ein Artikel darüber, warum Spiritualität vielleicht weniger mit „Licht und Liebe“ zu tun hat – und mehr mit ehrlichem Menschsein.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Aus dem dritten Untergeschoss, Die drei grossen S
Raupe auf einem Ast vor gelbem Kreis neben einer nachdenklichen Frau – Symbol für Spiritualität im Alltag

Das dritte Untergeschoss

Ich war mal wieder eine Woche auf Tinder.
Und habe – weil ich das wirklich gern tue – mit grosser Sorgfalt mein Profil ausgefüllt.

An einem Punkt bin ich kurz hängengeblieben:

Was würden die Leute in deiner Umgebung über dich sagen?

Meine ehrliche Antwort: Kommt sehr darauf an, wen du fragst.

Vielleicht merkst du es: Ich sitze mal wieder im dritten Untergeschoss.

Mein drittes Untergeschoss ist der aufgeräumteste Erfahrungsraum in mir – eine Bibliothek menschlicher Verwicklungen, meine und die der anderen, alles schön sortiert, reflektiert und mit Stempel obendrauf.

Ohne das dritte Untergeschoss könnte man mich für einen überaus seriösen Menschen halten – fast ein bisschen zu sehr der Ernsthaftigkeit verschrieben. Dieses Missverständnis habe ich hiermit aus dem Weg geräumt.

Nachdem ich also meine ehrliche Antwort der Schweizer Männerwelt zur Verfügung gestellt hatte, kam schnell eine vorsichtige Rückfrage: Wieso? Was stimmt denn nicht mit dir?

Ich glaube eben, dass mit mir ziemlich viel stimmt. Aber das sehen in einer Welt wie unserer, in der man das an sich vernünftige Motto „Leben und leben lassen“ ein bisschen zu einseitig interpretiert, längst nicht alle so.

Stimmt was nicht mit mir?

Kommt sehr darauf an, wen man fragt.

Hier ein Auszug aus einem Buch, gefunden in meiner persönlichen Erfahrungsbibliothek im siebten Regal von links. Es trägt den Titel: „Menschen, die ich besser nicht um ein Empfehlungsschreiben bitte.“

  • Der Mann, der sich vor 7 Uhr morgens im Zug neben mich setzt und an seinem Kebab mit viel Zwiebel herumschmatzt.
    (Welche Dönerbude aus der Hölle hat um diese Zeit den Vertikalgrill an??)
  • Die Frau, die sich vor 7 Uhr morgens im Zug neben mich setzt und im 10-Sekunden-Takt abwechselnd an einer Thermos­tasse mit Kräutertee nippt und von einer sehr knackigen Karotte abbeisst.
  • Die Frau, die sich vor 7 Uhr morgens im Zug neben mich setzt und sich die Fingernägel so enthusiastisch mit einem Nagelknipser kürzt, dass die Nagelschnipsel durch das ganze Zugabteil spicken. (Ich habe sie übrigens ausgesucht höflich gefragt, ob das Zugabteil wirklich der passende Ort für derartige Hygienemassnahmen sei, worauf sie mir ausgesucht aggressiv zuzischte, es wäre öffentlicher Raum.)
  • Die Frau im Kino, die in der ersten Filmhälfte einen grossen Eimer Tacochips mampft, in der Pause aufspringt, um sich eine 500g-Packung M&Ms vom Buffet zu holen und diese 500g M&Ms (selbstverständlich die mit den ganzen Erdnüssen) während der zweiten Filmhälfte hektisch wie ein ausgehungertes Eichhörnchen wegknackt.
  • Der junge Mann im Kino, der mit seinen Fussspitzen zart bis mittelkräftig gegen meinen Sitz pocht.
  • Der sehr junge Mann im Flugzeug, der mit seinen Beinen mittelkräftig bis wahnwitzig gegen meinen Sitz hämmert.
  • Der ältere Mann im Flugzeug, der, nachdem ich genervt darum bitte, das Kind nicht gegen meinen Sitz hämmern zu lassen, so tut, als würde er schlafen.
  • Die Frau, die durchs Lehrerzimmer latscht, während dort 12 andere Lehrerinnen essen, und sich die Zähne mit Zahnseide reinigt.
  • Der Mann, der unter mir wohnt, die halbe Nacht singt und johlt, viermal die Woche die Waschküche mit zwei Socken und einem Handtuch belegt und sehr ungern selber putzt, aber auf meinen anständig vorgebrachten Hinweis, dass es langsam anstrengend wird, in einen so lautstarken cholerischen Schreianfall ausbricht, dass die Nachbarn aus ihren Wohnungen rennen. Und mir dann einen Brief schreibt, in dem er mir androht, er würde rechtliche Schritte in Erwägung ziehen, würde ich noch einmal seinen Seelenfrieden stören.

Ich könnte hier noch ein bisschen länger weiterschreiben, aber ich denke, der Punkt ist klar.

shit happens.

Von solchen Geschichten gibt es in meiner Bibliothek mehr, als mir lieb ist.
Weshalb ich manchmal wirklich am Verzweifeln bin.

Warum ich regelmässig verzweifle

In meinem geistigen Besitz befinden sich neben dem dritten noch viele andere Untergeschosse, die sich mit um einiges nobleren Themen beschäftigen. So zum Beispiel dasjenige, in dem die spirituellen Lehrer dieser Welt versammelt sind.

Ich bin, wie ich hier schon irgendwo einmal ausgeführt habe, hochgradig interessiert an Wissen, das mir helfen könnte, mein manchmal doch recht verwirrendes Wesen besser zu verstehen.

Ich habe also viel gelesen.
Und bin im letzten Jahrzehnt einige Male ziemlich erschrocken.
Offenbar ist mein zu Schwarzmalerei neigender Verstand ganz allein dafür verantwortlich,
dass sich gefühlt ständig jemand in meiner Nähe aufhält, der sich benimmt, als wäre er allein auf der Welt.

Ich will etwas vorwegschicken:
Die These lässt sich nicht beweisen. Man kann sie auch nicht guten Gewissens auf alle Menschen dieser Erde anwenden.
Und trotzdem ist was dran.

Wann immer ich es schaffe, meine Energie nicht dafür zu verpulvern, mich über die Unverfrorenheit einiger Mitmenschen aufzuregen, sondern stattdessen zu schauen, wo der Ursprung meines Ärgers wirklich liegt, entdecke ich etwas völlig Unerwartetes, das perfekten Sinn ergibt.

Ja, schon gut, ich hab’s kapiert:

TriggEr
sind Freunde.

Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Den Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie und von wem ich getriggert werde und dem, was sich dann in mir zeigt, konnte ich noch nie durch wörtliche Übersetzung herausfinden.

Was für mich bedeutet: Das Universum macht sich einen Spass daraus, mir auf der eh schon beschwerlichen Heldenreise meines Lebens noch eine Unzahl kniffliger Ratespiele unterzujubeln.

Der Guru auf dem hohen Berg

Wenn es dann aber Zeiten gibt, wo sich Trigger häufen und ich mit Selbstreflexion und Spurensuche gar nicht mehr hinterherkomme, fluche ich schon ganz schön heftig. Und stimme zähneknirschend einem guten Freund zu, der auf meine Frage, ob er sich das Hörbuch von Eckhart Tolle zu Ende angehört habe, etwas wirklich Substanzielles zum Besten gab.

„Nein“, sagte er und schüttelte leicht frustriert den Kopf.
Der hat ja keine Ahnung, wie es ist, im Kundendienst zu arbeiten.
Wenn ich allein auf einem Berg mit Millionen unterm Hintern hocken würde, könnte ich auch heilig daherreden.“

Ich finde Tolle grossartig, aber wo mein Freund recht hat, hat er recht. Wären die spirituellen Grossmeister immer noch so entspannt, wenn ihnen die dreckigen Fingernagelreste von unsympathischen Mitreisenden ins Gesicht spritzen würden?

Die kleinen Tolles dieser Welt

Nicht genug, dass mich die echten Gurus in zeitweise Verwirrung treiben  — es gibt auf Gottes schöner Erde ja noch die kleinen Tolles. Die Tollen, die das Leben so richtig verstanden haben.

(Würdest du jetzt neben mir stehen, könntest du sehen, was ich sehe: eine Reihe abgegriffener Bücher voller Eselsohren und Kaffeeflecken.

Das Buch, das ich gerade anvisiere, trägt den Titel „Du musst nur Licht und Liebe sein“ und lehnt in trauter Einigkeit zwischen den Bänden „Hör endlich auf zu jammern, du bist an allem selber schuld!“ und „Der Arschlochengel und ich“ — Eine wahre, wenn auch unglaubliche Begebenheit aus dem Leben von Lili L.)

Also, Licht und Liebe.
Kurz zusammengefasst: Es funktioniert für mich nicht.

Das hat mehrere Gründe.
Zum einen lernt man, wenn man sich in gewissen Kreisen ein bisschen umsieht, regelmässig kleine Tolles kennen.

Was sie zu verbinden scheint:
A. Sie haben sich ihren Sinn für Humor erfolgreich abtrainiert.
Ganz im Ernst: Ich habe noch nie eine kleine Tolle kennengelernt, die lustig war. In so einer Umgebung einen Witz zu machen, gleicht dem gesellschaftlichen Selbstmord.
B. Sie haben alles schon durch.
Was sowohl Diskussion als auch echten Erfahrungsaustausch nicht nur anstrengend macht, sondern auf jemanden wie mich schlicht aggressionsfördernd wirkt. (Niemand kann so mitleidig-verständnisvoll nicken wie eine kleine Tolle.)
C. Ihr Themenrepertoire in Gesprächen ist erstaunlich begrenzt.
D. Ihre Fähigkeit, andere Ansichten und Meinungen zu respektieren, ebenfalls.

(Ich erinnere mich mit leisem Schrecken an eine Situation vor 8 Jahren, als ich es gewagt hatte, einem Guru innerhalb einer Facebook-Gruppe eine vorsichtig-kritische Frage zu stellen und gleich darauf von drei Frauen in Stücke gerissen wurde.

Im Anschluss an das Gemetzel habe ich mir ihre Profile angesehen. Mein virtueller Tod wurde von einer chakrentransformierenden Lichtarbeiterin, einer hellsichtigen Quantenheilerin und einer Coachin für tief gelebten Frieden herbeigeführt.)

Die kleinen Tolles dieser Welt, die so gern Licht und Liebe in die Welt senden, erreichen demnach oft genug das Gegenteil.

Sei dir selbst ein Witz,
der dich erheitert.

Osho

Was mich zum nächsten Punkt bringt: Ich bin nicht überzeugt vom Konzept der Ignoranz.

Augen zu und gute Nacht

Als ich letztens mit drei Handvoll Achtjährigen im Kreis auf dem Boden sass und einen Klassenrat abhielt, kam wie gewöhnlich das Thema auf, wie man sich in Konfliktsituationen verhalten könnte. Elijah meinte dazu: „Man muss es halt einfach ignorieren.“

Der Tipp, einfach vor allem, was einem nicht gefällt, die Augen zu verschliessen und darauf zu hoffen, dass sich das Problem von selber löst, war schon vor 40 Jahren modern. Und hat mir nichts als Ärger eingebracht.

(Wenn ich so darüber nachdenke, sind die grössten Tiefschläge in meinem Leben daraus entstanden, dass ich Tatsachen ignoriert habe, die absolut nicht hätten ignoriert werden dürfen.)

Den Kopf in den Sand zu stecken statt sich hinzustellen und der Bestie die Stirn zu bieten, ist das eine. Aber dann Licht und Liebe zu senden und sich selbst auf die Schulter zu klopfen, weil man gerade einen Beitrag zum Aufstieg der Menschheit nach 5D geleistet hat — das kommt mir fast schon höhnisch vor.

Der letzte Punkt ist der, der mir mit Abstand am meisten zu denken gibt:

Das Kreuz mit dem Gutsein

In einer sehr dunklen Ecke meiner Bibliothek stehen auch solche Werke beieinander: „Friss brav alles in dich rein!“, „Perfekt sein ist das Minimum.“ und „Lieber belächelt als gar nicht gesehen.“

Ich weiss, wovon ich spreche. Und auch, wohin es führt.

Ich war zwar genau null Tage meines Lebens Mitglied in der „Licht und Liebe“-Fraktion. Aber ich habe sehr lange versucht, gut zu sein.

Ich habe so sehr versucht, gut zu sein und auf der richtigen Seite zu stehen (in einer Reihe mit Aragorn und Legolas nämlich, nicht mit den hässlichen Orks!), dass ich in der tiefsten Bitterkeit, der tiefsten Erschöpfung und im tiefsten Selbsthass-Sumpf gelandet bin, den man sich vorstellen kann. Meine Tagebücher aus diesen Jahren habe ich allesamt verheizt.

Was mich am meisten zum Schaudern bringt: Es besteht für mich nicht der allerkleinste Zweifel daran, dass ich damals das kollektive Bewusstseinsfeld der Menschheit genauso besudelt habe wie jemand, der richtig was verbrochen hat.

Ist Gutsein überbewertet?

Ehrlich gesagt: ja.


Ich würde zusammengefasst sogar so weit gehen zu behaupten:
Angestrengtes Gutsein bringt Ungleichgewicht ins System.

Was meine Erklärung dafür ist, dass sich zwar sehr viele Leute nach bestem Wissen und Gewissen darum bemühen, die Hobbits auf ihrem beschwerlichen Weg nach Mordor zu beschützen und Mittelerde zu retten, gleichzeitig aber auch alle Orks aus ihren Löchern zu kriechen scheinen.

Sind die Schlechten unnatürlich schlecht, weil die Guten unnatürlich gut sind?

Ohne Dreck kein Abenteuer

Es ist das eine, dass uns, wenn es uns mit dem Erleuchtetsein nicht schnell genug gehen kann, unter Umständen der Sinn fürs Augenzwinkern und die echte Empathie abhanden kommt.

Wir verlieren noch etwas anderes, sehr Wertvolles:
die Möglichkeit, eine ganze Palette menschlicher Erfahrungen zu sammeln.

Und genau daran zu wachsen und wirklich etwas zurückgeben zu können. Viele bewährte Wege nämlich, mit den Knüppeln klarzukommen, die uns das Leben immer wieder zwischen die Beine wirft.

Ist das Menschsein vielleicht in erster Linie dazu da, Mensch zu sein?

Ich glaube schon. Sonst hätten wir ja gleich Seele bleiben können.

Dieses immer wieder unperfekte, unerleuchtete, beschwerliche, schmerzhafte Menschsein ist Absicht. Denn ohne Dreck kein Abenteuer. Und sicher auch keine gute Geschichte.
Oder würdest du ins Kino gehen und dir zwei Stunden einen friedlich meditierenden Mönch ansehen? Also, ich nicht.

Als ich einmal während einer kleinen Meditationssession Bekanntschaft mit einem VIP aus dem höchsten Himmelreich gemacht und ihn gefragt habe, ob ich in diesem Leben Erleuchtung finden würde, ist er vor Lachen fast zusammengebrochen.

Erleuchtung?

Vielleicht im nächsten Leben.


Erst habe ich trocken geschluckt — und musste dann feststellen, dass mir das eine Menge Druck von den Schultern nimmt.

Ich kann also noch jede Menge Geschichten sammeln. Peinliche, lustige, absurde, lehrreiche. Ich kann noch ein bisschen lästern. Und mich wundern, dass es kleine und grosse Tolles gibt, die es besser wissen als ich.

Und ich kann alle Kebabbuden verklagen, die um halb sieben schon offen sind.

Ich glaub, ich bleib 3D.

Über Lili

Lili ist überzeugt, dass „spirituell“ kein Wort ist — sondern das Blatt, auf dem es steht.

Wenn sie nicht gerade im dritten Untergeschoss hockt, erforscht sie mit Neugier das Abenteuer Menschsein. An ihrem Küchentisch wertet sie die Ergebnisse aus – mit Kaffee und zu vielen offenen Büchern daneben.


Wenn du magst, setz dich dazu.


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