An die Schatzsucher und Freudefinder — Warum ich uns viel Kraft wünsche

Ein Brief an das Kind, das vergnügt hopsend aus der Schule kommt. Und an alle, die noch wissen, wie das war.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Aus dem dritten Untergeschoss
Kind mit Schulranzen auf dem Heimweg von der Schule

Ach, Lenia.

Wenn ich dir doch nur einflössen könnte, was ich weiss.

Ich sehe dich mit deiner kleinen Schwester die Strasse auf- und abflitzen, fröhlich singend, laut und falsch.
Ich sehe dich mit meinem Nachbarsjungen spielen, dem entzückenden Faro, der vier ist und mehr Mut besitzt als alle Erwachsenen zusammengenommen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe.
Ich lese deinen krakeligen Brief, den du mir dagelassen hast, auf dem Bänkchen im Garten meiner Nachbarn, deren Katze ich versorge, während sie im Urlaub sind.

Libe Lili ich weis ich darf mia nich fütern aber si hat so miaut.

Ich finde dich so grossartig. Ich bin stolz auf dich, wie ich auf die Kinder in meiner Klasse stolz bin. Weil ich dir beim Wachsen zusehe und du mir Hoffnung gibst, dass die Zukunft gesichert ist mit jemandem wie dir.

Und dann sehe ich, dass du von der Schule kommst, mit deinem grossen Schulthek, der dich ganz leicht nach hinten zieht. Du wirkst ein bisschen müde, aber vergnügt. Mit kleinen Hopsern kommst du voran, summst wie so oft ein Liedchen.

Vor ihrem Haus steht die Nachbarin. Sie fragt dich freundlich, wie es in der Schule war. Und du sagst lächelnd: „Gut.“ Das kann die Nachbarin gar nicht verstehen. „Gut?“, wiederholt sie zweifelnd. „Gefällt es dir denn in der Schule?“ Deine Antwort kommt als Frage und wirkt ein bisschen zögerlich. „Ja?“

„Dann bist du aber wohl das einzige Kind auf der Welt, das die Schule mag.“

Du gehst weiter. Ohne Hopsen, ohne Lied. Und ich stehe am Fenster und balle die Fäuste, will am liebsten hinunterspringen, auf die dicke, dichte, dumme Frau springen und ihr mit diesen Fäusten ins Gesicht schlagen.

Stattdessen tue ich, was fast genauso unvernünftig ist. Ich sage: „Sie haben gerade einem Kind den Zweifel an der eigenen Wahrnehmung ins Gehirn gesetzt.“

Die Geschichte endet erwartungsgemäss und deshalb unspektakulär — mit erbostem Gezeter. Weil man ja eigene Kinder hat. Die vor 20 Jahren in der Schule waren und es abgrundtief hassten. Und weil doch allgemein bekannt sei, dass Schule die Kinder verderbe. Und was ich mir überhaupt erlauben würde, mich da einzumischen.

(Manchmal kann ich nicht anders, Projektor hin oder her. Manchmal kann ich nicht auf Einladung warten, der Mars ist stärker als ich.)

Liebe Lenia
Wenn ich dir doch nur einflössen könnte, was ich weiss.
Dass du immer wieder Menschen begegnen wirst, die deine Wahrheit mit ihrer besudeln.
Dass du stark werden musst und manchmal ein dickes Fell brauchst, um das Wertvollste in dir, das nie ein dickes Fell bekommen soll, zu schützen. Dass die Begeisterung für deine eigenen Entdeckungen dich durch die dunkelsten Stunden tragen wird und du deshalb genau auswählen musst, wem oder was du Glauben schenkst.

Wenn du mir berichten willst, wie gern du deine Lehrerin magst, welche lustigen Lieder ihr gesungen habt und wie weit du jetzt schon zählen kannst, setz dich in den Garten zu Mia und mir. Ich werde dir mit Freude bestätigen, dass dein Schultag super war.

Ich bin Lili.

Und habe den schönsten Beruf von allen.

Weil ich Kindern jeden Tag sagen darf, dass ich ihre Sicht auf die Welt schätze.

Und ihnen damit vielleicht ein bisschen Kraft in ihren Schulthek packe.


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