Also, Gelassenheit.
Ich bin vielleicht nicht die naheliegendste Person, um einen Artikel über sie zu schreiben.
Weil es für mich keine Selbstverständlichkeit ist, gelassen zu sein. In letzter Zeit zittere ich innerlich auffallend oft vor Anstrengung, das Patzige, Ungehaltene, Wütende, das sich in mir aufbaut, nicht ständig aus mir herausbrechen zu lassen.
In Wirklichkeit habe ich grosse Lust, die nächsten Seiten mit meiner Patzigkeit zu füllen und zu fragen: Bin ich allein mit meinem Eindruck, dass es immer mehr Leute gibt, deren Benehmen sich nicht einmal mehr kommentieren lässt?
Vielleicht bin ich genau deshalb die Richtige.
Weil ich der Gelassenheit seit Jahrzehnten auf der Spur bin. Das kleine Biest lässt sich nicht fangen.
Aber ich gebe nicht auf. Ich werde so lange auf der Lauer liegen, bis ich sie eines Tages erwische. Dann nehme ich sie zu mir hoch, sehe ihr in die Augen und sage:
„Willkommen daheim.“

Der aktuelle Stand der Dinge
Vielleicht sollte ich von vorn anfangen.
Seit zwei Jahren rückt mein innerer Frieden wieder stark in den Fokus — vor allem dadurch, dass er sich verzieht, sobald ich meine klitzekleine Wohnung verlasse und mich in die Welt hinausbegebe.
Draussen scheint er nicht besonders standfest zu sein.
In diesen zwei Jahren habe ich Situationen erlebt, deren Wahrheitsgehalt man durchaus anzweifeln könnte. Aber darum geht es nicht.
Das Entscheidende ist etwas anderes: Der gemeinsame Nenner in all den Geschichten bin ich.
Warum werde ich immer wieder an genau dieselbe Gelassenheitsgrenze geführt?
Manchmal beschleicht mich der Gedanke, dass die Gelassenheit und der Auslöser für meinen inneren Aufruhr heimlich nebeneinander in ihrem Versteck sitzen und schadenfroh kichern.
Auf Spurensuche – Eine Rekonstruktion
Bis Ende zwanzig hatte ich mit Reflexion und Selbsterkenntnis nichts am Hut.
Ich bin in den Achtziger- und Neunzigerjahren in einem kleinen Dorf im Salzburgerland aufgewachsen – als Wirtshauskind.
Das Gastronomieleben ist nicht still und friedlich. Man ist ständig von Menschen umgeben — und muss immer freundlich und anständig sein. Auch zu denen, die sich weder freundlich noch anständig verhalten.
Wenn sich ein Gast als notorisch unzufriedener Nörgler, selbstgerechter Choleriker oder grenzüberschreitender Besserwisser entpuppte, wurde kein Räucherstäbchen angezündet und auch nicht darüber kontempliert, was uns diese Begegnung wohl über das Leben beibringen könnte. Dafür war schlicht keine Zeit. Der Grundsatz für uns alle lautete: „Reiss dich zusammen, wir haben einen Ruf zu verlieren.“
Als Kind konnte ich das nicht einordnen.
Heute weiss ich: Wenn Gelassenheit erzwungen wird, entsteht kein Frieden, sondern Druck.
Und wenn Druck keinen Ausgang findet, verschafft er sich einen.
Jeder braucht ein Ventil.
Die Frage ist nur: Wählen wir es oder wählt es uns?
In Schutt und Asche
Wie der Druck die Menschen um mich herum in Trümmer legen konnte — davon gibt es viele Geschichten.
Faszinierend finde ich bis heute, wie unterschiedlich ein solcher Ausbruch stattfinden kann.
Die wilde Wut beim kleinsten Anlass war sicherlich die plakativste Form.
Aber es gab auch leisere:
Übertriebene Angepasstheit.
Das Gefühl, ja nichts falsch machen zu dürfen.
Die Sorge, trotz grösster Bemühung doch bestraft zu werden.
Hartnäckige Vermeidung. Schönfärberei.
Eine Überempfindlichkeit gegenüber äusseren Reizen – und das tiefe, dringende Bedürfnis nach Ruhe, Ordnung und Stabilität.
Oder das Gegenteil:
Das ausgelassene Feiern nach der Arbeit. Alkohol und Kettenrauchen.
Ein überdrehtes Flirten.
Geläster und Zynismus.
Ich schreibe das nicht, um es zu verurteilen. Die Menschen, die mir in meiner Kindheit und Jugend Anschauungs- und Forschungsmaterial lieferten – meine Familie natürlich, aber auch unsere vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – waren hochanständig und liebten mich.
Ich fand nichts Schlimmes daran.
Es war meine Normalität.
Die grosse Verwirrung
Eine neue Dimension eröffnete sich, als ich begann, mich selbst als schlafenden Vulkan wahrzunehmen. Als Kind war ich schüchtern gewesen, sehr darauf bedacht, wie andere auf mich reagierten. Und eben: zu Anstand erzogen. Respekt, Rücksichtnahme und Höflichkeit mussten selbstverständlich sein. Ein Verhalten, das nicht Schimpf und Schande über uns brachte.
Dann änderte sich etwas.
In mir erwachte ein kleines, kämpferisches Feuer. Es konnte sehr schnell hochlodern.
Ich erinnere mich an viele Male, in denen Gäste meine sanftmütige, pflichtbewusste Mutter respektlos behandelten – und ich, gebeutelt von Beschützerinstinkt und Zorn, für sie in die Arena sprang.
Die Reaktionen darauf waren zwiespältig:
Einerseits brachte es mir Bewunderung ein, andererseits deutliche Kritik.
Die Situation, die sich sehr viel später als wichtiger Augenöffner erwiesen hat, verlief so: Meine kleine Schwester hatte zwei beste Freundinnen. Eine der beiden bestimmte, ob sie zu dritt oder zu zweit Zeit verbringen würden.
An einem Tag, an dem meine Schwester allein geblieben war, kam sie weinend nach Hause. Mir brach das Herz. Ich polterte los, wie blöd und unfair ihre Freundinnen seien – und dass sie sich neue suchen solle.
Während meines Ausbruchs hörte meine Schwester auf zu weinen. Sie starrte mich besorgt an.
„Ich glaube, ich will dir sowas nicht mehr erzählen, wenn du dich dann so aufregst.“
Meine Mutter sprang sofort ein: „Sie ist deine grosse Schwester. Sie will dich nur beschützen. Das ist doch schön.“
In mir blieb eine grosse Verwirrung zurück.
Irgendetwas schien ich immer falsch zu machen. Ich kam nur nicht drauf, was es war.
Das Bedürfnis nach Antworten
Die nächsten Jahre übte ich mich in Gelassenheit. Ich hatte gelernt, dass emotionale Ausbrüche sehr unterschiedliche Reaktionen in anderen auslösten und mich selbst in einen Zustand der Orientierungslosigkeit versetzten. Das kostete viel Kraft.
Also tat ich das, was die Erwachsenen getan hatten, als ich Kind war: Ich riss mich zusammen.
Dass ich mir dabei auch eine ganze Reihe kompensierender Verhaltensweisen aneignete, fiel mir zunächst nicht auf.
Mit 29 entschied ich, Lehrerin zu werden. Zu dieser Zeit standen die Medien voll mit Schreckensnachrichten über unkontrollierbare Klassen, anspruchsvolle Eltern und den massiven Druck, dem Lehrerinnen und Lehrer offenbar ständig ausgesetzt waren.
Meine grösste Befürchtung vor dem Studienstart war, mir von den Kindern auf der Nase herumtanzen lassen zu müssen – aus Angst, den schlafenden Vulkan in mir aufzuwecken.
Was kostet die Vorsicht,
uns selbst nicht zu begegnen?
In dieser Zeit begann ich, mich diesem Thema ernsthaft zuzuwenden. Da das Studium dazu wenig Aufschlussreiches bot, ging ich selbst auf die Suche.
Ich las alles, was mir in die Hände fiel.
Ich liess mich von einer Körpertherapeutin durchtesten, besuchte systemische Aufstellungen, wandte mich an einen Geistheiler, der meine inneren Blockaden auflösen sollte und absolvierte eine beachtliche Anzahl an Weiterbildungskursen.
Alles war interessant.
Nichts entlastete mich wirklich.
Weil ich wiederholt die Erfahrung gemacht hatte, dass meine Probleme von anderen rat- und verständnislos aufgenommen wurden und ich mich nach solchen Gesprächen häufig schlechter fühlte als zuvor, liess ich das schliesslich fast vollständig bleiben.
Stattdessen sprach ich immer strenger mit mir selbst.
„Reiss dich zusammen.“ wurde mein Mantra.
Die Wolke und ich
Wenn ich mein Leben bis 2017 in einem Satz zusammenfassen müsste, würde er lauten:
„Es läuft doch eigentlich ganz gut…“
Bis ich in einer Juninacht aus dem Schlaf hochschreckte.
Allein im Wohnzimmer, auf dem Sofa, auf das ich hatte auswandern müssen – meine nächtlichen Selbstgespräche und das markerschütternde Zähneknirschen waren für meinen damaligen Freund unerträglich geworden.
Ich war erfüllt von dem Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
Und dann geschah etwas Bemerkenswertes.
Mit kalter Panik beobachtete ich, wie sich zu meinen Füssen eine mächtige, wattige Wolke sammelte. Sie stieg in mir auf und breitete sich vollständig in mir aus. Ich hatte das Gefühl, von ihr auseinandergezogen zu werden, so weit, bis ich in ihr verschwand. Ich schwebte körperlos im Nichts, mit angehaltenem Atem und der Gewissheit, dass ich gerade dabei war zu sterben.
Dann war es vorbei.
Ich spürte mich verschwitzt und verspannt gegen das Polster gepresst. Mein Herz raste. Und zum ersten Mal begriff ich, wie viel Druck sich in mir angestaut hatte. Mein Körper zog die Notbremse.
Eine riesige Erleichterung erfasste mich. Ich weinte so heftig wie schon lange nicht mehr.
Das Mantra begrub ich für immer.

Die Jahre danach
Im Nachhinein gesehen war die Wolke ein Wendepunkt. Sie hatte etwas mitgenommen, das mir vorher den Blick auf mich vernebelt hatte. Mit neuer Klarheit und einer grossen Neugier herauszufinden, was da eigentlich passiert war und wie es dazu kommen konnte, ging ich erneut auf die Suche.
Ich fand echte Freude an spirituellen Sichtweisen aus allen Zeiten und Richtungen. Ich arbeitete mit Byron Katie’s Fragen und lernte zu akzeptieren, dass vieles, was ich im Aussen als Einengung erlebte, eine bereits vorhandene innere Enge sichtbar machte. Schliesslich stiess ich auf Human Design und seine aufschlussreichen Erklärungen für meine emotionale Sensibilität und die Tendenz, Druck so lange anzustauen, bis er sich explosionsartig entladen musste. Es half mir zu verstehen, warum ich mich so konsequent in ein Korsett der Selbstkontrolle eingeschnürt hatte, bis ich kaum noch Luft bekam.
Zwei sehr wichtige Einsichten aus dieser Zeit:
- Es ist nicht hilfreich, mich mit dem emotionalen Drama eines anderen zu identifizieren.
Die grosse Verwirrung, die ich nach der Situation mit meiner weinenden Schwester – und viele Male davor und danach – erlebt hatte, kam offensichtlich daher, dass ich mich in Kämpfe begeben hatte, die nicht meine eigenen waren. Und mich in ihnen ein Stück weit verlor. - Ich muss meine eigenen emotionalen Zustände gut im Auge behalten – und zeitnah dafür sorgen, Dinge für mich klarzustellen.
Ich wurde zu einer besseren Lehrerin. Nicht perfekt und schon gar nicht immer entspannt. Aber zu einer, die mit sich im Reinen ist und deshalb die Kapazität hat, sich wirklich auf die Kinder einzulassen.
Es waren beruhigte Jahre.
Und ich war fast versucht zu glauben, ich hätte das grosse Rätsel der Unerschütterlichkeit gelöst.
Bis.
In die nächste Runde
Als ich etwa zehn war, buchten meine Eltern ein Wochenendseminar. Meine Mutter war der Meinung, dass wir als Familie Hilfe bräuchten, um unsere Beziehungen untereinander zu verbessern.
An viel erinnere ich mich nicht.
Aber eine Zeichnung auf dem Flipchart hat sich mir eingebrannt und mich seitdem begleitet.
Der junge Seminarleiter erklärte ein Modell der Familientherapeutin Virginia Satir, das etwa so aussieht:
Stabilität → Impuls → Chaos → Integration/Übung → neue Stabilität
Es gibt Zeiten, in denen das Leben in geordneten Bahnen verläuft. Man hat sich eingerichtet und kennt sich aus.
Dann geschieht etwas. Ein Ereignis, eine Begegnung, eine kurze Bemerkung – irgendetwas bringt einen Stein ins Rollen. Mit der gewohnten Ruhe ist es erst einmal vorbei. Das kann sich nach Chaos anfühlen, verbunden mit dem dringenden Wunsch zu sein, wo man gerade noch war.
Zurück geht aber nicht.
Also beginnt die Übungsphase. Man verschafft sich einen Überblick, probiert aus, sortiert um. Lernt sich ein Stück weit besser kennen.
Irgendwann kehrt wieder Stabilität ein – nicht dieselbe wie zuvor, sondern eine auf einer neuen und höheren Ebene. Reifung ist passiert.
Wir bewegen uns nicht im Kreis.
Sondern in Spiralen.
Seit einem Donnerschlagimpuls Anfang 2024 stecke ich mitten in einer Phase der Übung.
Erstaunt – und ehrlich gesagt auch etwas entsetzt – muss ich mir eingestehen, dass die relative Unerschütterlichkeit der letzten Jahre längst nicht so unerschütterlich ist, wie ich angenommen hatte.
Das Interessanteste dabei:
Die Themen, die mich ins Wanken bringen, sind nach wie vor dieselben.
Muster wiederholen sich.
Deutlich heftiger als jemals zuvor.
Was habe ich übersehen?
Altbekannte Fragen und ein neues Aha
Was habe ich übersehen?
Diese Frage taucht zuverlässig auf, wenn ich wieder einmal ratlos im Übungsfeld stehe.
War ich zu bequem gewesen? Zu nachlässig? Zu feige?
Und dann, unausweichlich: Wann zum Kuckuck hab ich endlich meine Ruhe?
Wenn ich gedanklich nicht weiterkomme, muss ich nachforschen:
Welche Arten von Triggern begegnen mir gerade wiederholt?
Was genau lösen sie in mir aus?
Woran habe ich am meisten zu knabbern?
Diesmal hat mich die Antwort wirklich überrascht.
Während der Arbeit an diesem Artikel bin ich über ein Wort gestolpert: bemühen.
Als ich klein war, habe ich mich bemüht, niemanden zu enttäuschen. Das liebe Kind zu sein. Auch die Erwachsenen um mich herum haben sich bemüht – es allen recht zu machen, für gute Stimmung zu sorgen, damit andere sich wohlfühlen. Und was mich so richtig aus der Bahn wirft sind Menschen, die sich nicht die allerkleinste Mühe geben, auf jemand anderen zu achten als auf sich selbst. Und mühelos damit durchkommen.
Bemühe ich mich vielleicht immer noch zu sehr?
Ist es das, was mich nicht zur Ruhe kommen lässt?
Das kleine Biest kichert
Es ist schon erstaunlich mit diesen inneren Prozessen.
Sie sind nie ganz fertig, nie ganz rund. Es muss immer diese Öffnung geben, den kleinen Spalt, der Raum für Wachstum lässt. Aus dem Kreis die Spirale macht, die man Leben nennt.
Vielleicht liegt der Schlüssel zu wahrer Gelassenheit darin, mich nicht mehr so sehr um sie zu bemühen.
Das Suchen sein zu lassen.
Es auszuhalten, dass sich das kleine Biest nicht fangen lässt.
Weiterhin in seinem Versteck sitzt und kichert.
Vielleicht gar nicht schadenfroh.
Sondern schelmisch.

Ich bin Lili.

Seitdem ich das kleine Biest in seinem Versteck sitzen lasse, kommt es manchmal freiwillig heraus. Und wenn nicht — biete ich ihm zumindest eine gute Show…!
Falls deine Gelassenheit irgendwo heimlich kichert,
kann ein Blick auf deine offenen Zentren helfen.
Eine Möglichkeit dafür bietet sich hier.