Sind wir alle Creatures?
Gestern habe ich über die offenen Zentren geschrieben.
(Es macht Sinn, diesen Artikel zuerst zu lesen. Hier ist er. Kommst du danach wieder zurück?)
Schon währenddessen war mir klar: Das muss konkreter werden.
(Eine der grössten Herausforderungen in den ersten Jahren meiner Lehrtätigkeit war, damit zu hadern, nicht alles gleichzeitig erzählen zu können. Haha!)
Die offenen Zentren in deinem Chart weisen darauf hin, wo sich deine grössten Lernfelder im Leben befinden. Die definierten zeigen dir, mit welchen beständigen Potenzialen du dich auf den Weg durch diese Lernfelder machst.
(Mir fällt gerade das uralte Computerspiel ein, das ich wirklich geliebt habe: Black & White. Und wie ich meine „Creature“ mit Eigenschaften ausgestattet und erstaunt beobachtet habe, wie sich diese Eigenschaften durch meine Erziehung manifestieren. Sind wir alle diese Creatures? Losgeschickt mit der Magie der definierten Zentren, auf einer Reise durch die Themen der offenen, erzogen durch den Einfluss der Welt?)
In der Suppenküche
Wenn man sich im Internet umsieht, um etwas über die Zentren zu erfahren, erhält man grossteils eine Information dieser Art: Die offenen Zentren sind die aufnehmenden Zentren und die definierten die, deren Wirkung von anderen aufgenommen wird. (Ich nenne es bewusst Wirkung. Kraft oder Energie trifft es oft nicht genau.)
Ja, das stimmt. Wir sind aufnehmend in den offenen und prägend in den definierten. Aber einen sehr entscheidenden Punkt sollte man im Auge behalten:
Die Klarheit, in der unsere Definitionen in die Welt strahlen, ist sehr davon abhängig, wie wir mit unseren Offenheiten umgehen.
Alles spielt zusammen.
Du bist keine Zutatenliste, in dir liegen auch nicht Kartoffeln und Erbsen neben Salz und Thymian.
Du bist immer die ganze Suppe, von Meisterhand zusammengerührt, mit feinstem Gaumen abgeschmeckt. Ein Hochgenuss, wenn man dich löffeln darf. Zumindest ist es so gedacht.
Wenn die Offenheiten aber für ein Zuviel sorgen (zu viel Sorge um den eigenen Wert, zu viel Nervosität vor der eigenen Wahrheit und so weiter, du weisst schon…), dann wird auch das, was dich so einzigartig macht, davon beeinflusst. Dein ganz eigener Geschmack beginnt zu kippen. (Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, dich in deiner ureigenen Essenz wiederzufinden. Du musst einfach anfangen, auf effiziente Weise nach dir zu suchen.)
Das Ego im Fokus
Werden wir konkret. Am Beispiel des Egozentrums.
Das Egozentrum im Human Design ist nicht zu verwechseln mit dem, was wir in unserer konditionierten Alltagssprache als Ego bezeichnen. Dieses Ego, das viele von uns schnellstmöglich zur Erleuchtung führen wollen (und damit meist kläglich scheitern) ist unser Verstand. Der Egoverstand, der sich als ein Ich erkennt und als dieses Ich die Kontrolle haben will.
Das Egozentrum hingegen wird auch als Herzzentrum bezeichnet. Und ist das Herz des materiellen Überlebens, dem Überleben auf dieser Erde. Und zwar bitte nicht nur irgendein Überleben. Nein, ein möglichst gutes, gesundes, erfolgreiches. Ein Überleben, das auch immer fit für die Zukunft macht.
Der Egoverstand mit dem offene Ego hat ein Thema mit dem Selbstwert, weil er seit frühester Kindheit den Eindruck gewonnen hat, es müsse etwas leisten, um Liebe und Wertschätzung zu verdienen.
Die Folge davon ist, dass sich der Mensch, der das offene Ego mit sich herumträgt, in einer ermüdenden Dauerschleife des Sich-Beweisen-Wollens steckt: Ich werde mir und dir beweisen, dass ich gut genug bin und Liebe und Wertschätzung verdient habe.
Mit einem offenen Zentren ist es aber so: Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass es so funktioniert, wie du dir das vorstellst. Es ist offen — keine ureigene Konstanz. Immer abhängig davon, was es in seiner Umgebung aufzunehmen gibt. Was bedeutet: Der Egoverstand mit dem offenen Ego kann sehr viel Kraft aufbringen, um sich und anderen zu beweisen, dass er gut genug ist. Und dann ist die Kraft plötzlich weg. Und nichts geht mehr.
Was macht der Egoverstand? Er ist extrem schnell damit, seine Aufgabe zu erfüllen: bewerten und einordnen. In welche Schublade passt das denn jetzt? Ach ja, in die mit der Aufschrift: Versager! Streng dich gefälligst mehr an! Und das Spiel beginnt von vorn.
Gleicher Fehler, andere Kraft.
Diese völlig hirnrissige Dauerschleife nimmt so viel Platz ein, dass der eigentliche Geschmack der Suppe einen bitteren Beigeschmack bekommt. (Ich bin Projektor, bei mir ist der Beigeschmack bitter. Bei einem Generator wäre der Beigeschmack frustriert, bei einem Manifestor zornig und bei einem Reflektor — auf etwas andere Art als bei den drei anderen Typen — enttäuscht.)
Der Mensch mit dem offenen Ego sollte wissen: Ich bin nicht hier, um etwas zu beweisen. Und mein gesamtes Körpersystem geht in Alarmbereitschaft, wenn ich es trotzdem versuche.
Und das definierte Ego? Das eine konstante Kraft mit sich bringt, die materielle Ebene erfolgreich zu meistern, indem es seine Egostärke genau dafür verwendet? Es wird in die gleiche Schleife geschickt, nur schaut es von aussen besser aus.
Der Egoverstand mit dem definierten Egozentrum kann genau wie der mit dem offenen in seiner Kindheit die Erfahrung machen: Oh, ich muss etwas leisten, um Liebe zu verdienen. Also tue ich das mal.
Spricht das für einen soliden Selbstwert? Ganz sicher nicht. Aber sein Egozentrum hat echte Kraft und wird gepusht vom Egoverstand: Beweise! Und das tut es. Über seine Grenze hinaus. Denn was man nicht vergessen soll: Das Egozentrum ist anders gestrickt als das Sakral.
Wenn das Sakral sein kraftvolles Ja entdeckt, kann es Energie generieren, dass es nur so sprüht. Das Egozentrum hingegen ist eine Diva — es will den ganzen Tag verhätschelt, verwöhnt und fein gemacht werden. Und hat am Abend einen kurzen Starauftritt, der alle aus den Socken haut.
Wenn das Egozentrum zum Dauereinsatz gezwungen wird, zeigt sich das. In Herz-Kreislauf- und Magenproblemen, zum Beispiel. Das sind wertvolle Signale dafür, dass der Egoverstand es mal wieder übertrieben hat.
Die Schönheit der Definition
Das Herzzentrum, mein persönlicher Lieblingsfeind, das Lernfeld, das mich vielleicht nie komplett aus der Gefahrenzone lassen wird. Ich mag es. Es hat mir mit Abstand am meisten über mich beigebracht. Und auch über die anderen Menschen.
Ich hab mir mal angeschaut, welches Design ein paar der erfolgreichsten Sportler und Sportlerinnen unserer Zeit haben. Und war nicht erstaunt festzustellen, wie viele von ihnen ein offenes Ego haben. Vielleicht aufgepusht von der Egokraft ihrer Eltern, Coaches und Trainer. Spannend, oder?
Vor einiger Zeit war ich mit einem Mann zusammen, dessen Ego definiert war. Ein kraftvoller Typ, ich musste immer schauen, dass ich mich und meinen Weg nicht komplett aus den Augen verliere in seiner Nähe. Er war extrem diszipliniert und verfolgte eine strenge Routine, um vorwärts zu kommen.
Irgendwann habe ich ihn gefragt: „Macht es dir eigentlich Spass, jeden Tag diese lange Pflichtenliste abzuarbeiten?“
Seine Antwort hat mich traurig gemacht. „Nein“, sagte er aufrichtig, „ich hasse es. Manchmal habe ich das Gefühl, mich darin zu verlieren. Ich fühle mich mechanisch, gar nicht lebendig.“
Und das ist die Gefahr bei den definierten Zentren, wenn die Auswirkung der offenen nicht zuerst in den Fokus rückt: Unser Egoverstand missbraucht ihre Schönheit für seine Zwecke. Und die Suppe schmeckt nicht mehr.
Ich würde dir gern sagen, dass dein willensstarkes Herzzentrum tatsächlich hier ist, um etwas zu beweisen. Aber nicht das, was dein Egoverstand sich denkt. Sondern das, wozu dein Sakralzentrum voller Freude ja gesagt hat.
Dann wird die Sache rund. Dann schmeckst du dir selbst richtig gut. Und strahlst deine Kraft so klar in die Welt, dass wir anderen staunen, wie besonders du bist.
Ich bin Lili.

Die grossen und kleinen Suppentöpfe in meinem Leben machen mich froh.
Und wenn ich dazu beitragen darf, dass Ausgewogenheit erlebbar wird, freu ich mich besonders.
Am Küchentisch wird abgeschmeckt.
Komm dazu!
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