Heute habe ich mal wieder meinen beachtlichen Schlüsselbund aus dem Schrank geholt, um eine niedrige, recht unscheinbare Tür im 3. Untergeschoss aufzuschliessen. Das war sehr amüsant, da tauchten völlig unerwartet schon längst vergessen geglaubte Geschichten auf. Zum Beispiel diese hier:
Mit 22 – abgebrochenes Medizinstudium, verwirrt, pleite und hochgradig richtungslos – liess ich mich in einem kleinen, sehr exklusiven Kinderschuhladen anstellen. Ich war äusserlich null repräsentativ und passte da nicht rein. Aber ich konnte schon immer gut mit Kindern und hatte bei den Eltern schnell den Ruf, profitresistent ehrlich zu sein, was meinen Umsatz schlussendlich steigerte.
Ich weiss nicht mehr genau, was der hübschen und sehr trendigen Studentin zugestossen war, die eigentlich nach Düsseldorf hätte fahren sollen. Jedenfalls konnte sie nicht. Und so wurde ich zwangsverpflichtet, unseren Laden an irgendeiner renommierten Modemesse zu vertreten. An meiner Seite die schicke Tochter des Inhabers, mittlerweile international erfolgreiche Modedesignerin. Schon damals war klar: Wenn sie ihren Weg nicht macht, dann niemand.
Also gut. Lena und ich, zwei junge Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, standen in unserem Showroom und zeigten den Kunden die neue Kollektion.
Ein älteres, konservativ gekleidetes Paar betrachtete skeptisch die quietschbunten Ausstellungsstücke.
„Die müssen Sie haben, damit beweisen Sie Trendbewusstsein. Diese Schuhe sind sowas von geil!“ Das war Lena, im Brustton tiefster Überzeugung.
Mir, die daneben stand, blieb kurz das Herz stehen. Als Gastronomiekind war mir seit frühester Kindheit eingebläut worden, respektvoll mit Gästen zu sprechen. Hätte ich das Wort „geil“ in den Mund genommen, wäre ein Donnerwetter ausgebrochen.
Die beiden Kunden aber beäugten Lena erstaunt, sahen sich an, begannen zu lächeln, nickten immer wieder zustimmend und unterschrieben zehn Minuten später eine beeindruckende Bestellung unter Lenas Namen.
Dann war ich dran. Zwei ältere Herren in Anzügen, sehr seriös. Auch sie schienen nicht wirklich angetan von unserem Angebot. Ich räusperte mich: „Ähm. Diese Schuhe sind qualitativ äusserst hochwertig, die Einlagen ergonomisch auf den Kinderfuss zugeschnitten. Und das Design – damit beweisen Sie Trendbewusstsein. Diese Schuhe sind…“
Ja. Ich sagte das Wort „geil“.
Aber während es bei Lena wie eine einzige schillernde Seifenblase nach oben geschwebt war, rutschte es aus mir wie ein Kiloblock wabbelndes Schmierfett heraus und landete schmatzend zu unseren Füssen, wo es leise gurgelnd liegen blieb. Wir alle blickten schweigend darauf runter.
Der Schmierfettfleck lag unbekümmert da. Sein einzelnes saftiges Rülpsen schien mir zu gelten und klang entfernt nach „Angeschmiert.“
Ich hab die Tür dann wieder abgeschlossen und bin sehr froh, dass Düsseldorf Geschichte ist.
Ich bin Lili.

Modemessen sind immer noch nicht meins.
Dafür sind der Schmierfettfleck und ich Freunde geworden.
Ich würde ihn um nichts in der Welt hergeben wollen.