Was wir zu verdauen haben.
Glaubst du daran, dass die Dinge, die du dir jeden Tag zuführst, einen Einfluss auf dein Leben haben?
Bestimmt, oder? Das ist mittlerweile so eine Art von Wahrheit, die wirklich im Kollektiv angekommen ist.
Wir sind sogar so weit, dass wir verstanden haben, dass es dabei nicht nur um Essen und Trinken geht. Das, was wir täglich zu uns nehmen und zu verdauen haben, ist ja viel mehr.
Der Ort, an dem wir uns nachts ins Bett legen und morgens wieder aufwachen. Der wirkt viele Stunden pro Tag auf uns ein. Und natürlich die Menschen, die mit uns an diesem Ort wohnen. Die Gedanken, die wir dort denken. Die Erinnerungen und Ermahnungen, mit denen dieser Ort gefüllt ist. Die Ordnung oder Unordnung – und wie wir sie empfinden. (Das schreibe ich, weil es Menschen gibt, die eine gewisse Unordnung brauchen, um sich wohlzufühlen. Ich gehöre nicht dazu. Unordnung macht mich ein bisschen nervös.)
Dann der Ort, an dem wir arbeiten. Und auch dort wieder die Menschen und ihre Stimmungen. Ob die Tätigkeit dich mit Sinn erfüllt. Ob du dort gern gesehen bist – als Teil des Kreises, nicht als Nummer. Ob du dort das tust, was du am besten kannst und genau dafür echte Wertschätzung erhältst.
Nicht nur eine angemessene Bezahlung, von der du dein Leben sorgenfrei gestalten kannst. Sondern dieses beruhigende Gefühl: Da geh ich gern hin, weil man sich freut, wenn ich da bin. Weil es ohne mich nicht komplett wäre. Und weil ich dort einen Beitrag leisten kann, der Sinn macht und zählt.
Und all die vielen anderen Dinge, die täglich auf uns einwirken.
Konsumgüter
Konsumgut. So ein schräges Wort.
Was konsumieren wir denn gut und brav den ganzen Tag?
Würde ich dazu ein Mindmap zeichnen, hätte es unzählige Verzweigungen.
Essen und Trinken, sicher.
Die Bücher, die wir lesen.
Die Filme, die wir schauen.
Die Podcasts, die wir hören.
Die Inhalte der Social-Media-Accounts, die wir gewählt haben.
Aber auch:
Die Szenen, die wir beobachten.
Die Gespräche, an denen wir teilnehmen.
Die Blicke von Menschen und Tieren, die auf uns ruhen.
Der Ton, in dem mit uns gesprochen wird.
Die Art von Energie, mit der wir umgeben sind. Fröhliche, lebensbejahende, kraftvolle. Oder das genaue Gegenteil.
Und dann kommt etwas, das ich so spannend und aufschlussreich finde:
Auch Emotionen konsumieren wir.
Nicht nur die der anderen. Auch unsere eigenen.
Emotionen sind ja nicht nur irgendwelche Lüftchen, die durch unser System wehen und keine Spuren hinterlassen. Die sind nachweisbar. In den Zellen. Ich habe mal gelesen, dass Angst, Trauer, Freude, Wut und all die anderen Gesellen etwas in uns zurücklassen. Wenn es jemanden interessieren würde, gäbe es vielleicht bald Teststreifen, auf die wir draufpinkeln könnten. Dann würden wir sehen: Aha. Gestern war ich also wieder den ganzen Tag frustriert. (Interessiert bestimmt niemanden. Leider.)
Was konsumieren wir eigentlich? Und was zeigt uns das über uns? Wie fühlen wir uns dabei? Wodurch werden diese Gefühle ausgelöst? Sind es vielleicht Spuren aus einer Zeit, die mit dem Jetzt gar nichts mehr zu tun hat?
Folgen wir unbewusst dem, wovon wir irgendwie denken, dass wir es brauchen, weil es uns fehlt? Anstatt zu merken, dass es mal wieder nur ein Hinweis darauf ist, in welchen Geschichten unser Verstand festhängt?
Die ältesten Geschichten
Zum Emotionenthema gibt es verschiedene Ansätze.
Zum Beispiel den, dass die Körperintelligenz die schnellere ist. Schneller als die Intelligenz des Verstandes.
Die umgekehrten Annahmen gibt es auch. Dass der Gedanke zuerst da ist und eine Emotion diesen Gedanken – oder eine ganze Sammlung davon – hinausbewegt (vom lateinischen emovere – hinausbewegen). Sozusagen aus der Dunkelheit ans Licht, damit man sie besser sehen kann.
Mir ist eigentlich egal, welche der vielen Theorien stimmt.
Mich interessiert mehr, was ich auf Basis so einer Theorie an mir beobachten kann.
Zum Beispiel das:
Mein Verstand drängt mich dazu, nichts zu übersehen. Damit setze ich mich jeder Menge Input aus. Innerhalb weniger Minuten bin ich gestresst und unter Druck. Und denke: Ich schaffe das nie. Es ist zu viel.
Dann, ohne dass ich das selbst entscheiden würde, purzeln gleich die nächsten Gedanken hinterher. Allesamt selbstzerfleischend. Bis ich Stopp sage. Aber da hat sich meine Stimmung schon verändert.
Weil ich nicht nur das Aussen konsumiere, sondern gleichzeitig mich. Stresshormone. Alte Emotionen, die mit noch älteren Geschichten verbunden sind. Und die mich in einen Kampf bringen, der sich, so lachhaft das auch klingen mag, ums Überleben dreht.
Und jetzt mein Punkt: Wenn ich schon kapiert habe, dass ein Zuviel an Konsum mich in den aussichtslosen Zustand von Nichtgenügen bringt — brauche ich den Konsum dann noch? Habe ich nicht gelernt, was es zu lernen gibt? Nämlich, dass etwas in mir sich ungenügend fühlt? Und sich dieser Zustand durch ein Zuviel noch zu verstärken scheint?
Würde ich das nicht bemerken oder es nicht ernst genug nehmen, würde ich mich mit genau dem füttern, was mich schwächt statt stärkt. Immer wieder. Und es würde meine Entscheidungen mitbestimmen, meine Laune, meinen Selbstwert. Und am Ende wäre ich wieder ein Stück sicherer: Ich genüge nicht. Und brauche mehr Stoff.
Ganz schön krass.
Der Supermarkt des Lebens
Das bringt mich auf etwas, das mich immer mehr beschäftigt.
Wir Menschen sind durch und durch Konsumenten. Nicht nur beim Einkaufen und im Internet. Sondern ständig.
Wir konsumieren Räume. Klänge. Frequenzen. Menschen. Stimmungen. Gedanken. Gefühle. Geschichten. Und Hormone, unsere körpereigenen Drogen.
Meistens kriegen wir gar nicht mit, dass und was wir da gerade konsumieren.
Deshalb finde ich die Pubertät und die Menopause so spannend. Weil wir in solchen Lebensphasen plötzlich merken – oft auf ziemlich überfordernde Weise –, dass wir nicht nur die Welt konsumieren. Sondern auch uns selbst.
Und sind das nicht genau die Phasen, in denen ein Mensch an echten Weggabelungen steht?
Gestalterinnen
Bei all dem finde ich etwas wichtig: Ich habe die Wahl. Ich kann mitbestimmen, was und wie ich konsumiere.
Damit bleibe ich in der gestaltenden Rolle.
Etwas zu gestalten ist aktiv.
Es ist das Gegenteil davon, einfach alles ungefiltert auf mich einwirken zu lassen und damit zum Follower zu werden. Zum Follower eines Aussen, das mich nicht kennt und sich hauptsächlich einen Dreck um mich schert. Und zum Follower eines Innen, das ein entschlossenes Eigenleben zu besitzen scheint.
Wenn ich meiner eigenen Spur gestaltend folgen will, muss ich ein paar wichtige Dinge wissen.
Was konsumiere ich den ganzen Tag?
Wie wirkt sich dieser Konsum auf mich aus?
Welche Emotionen zeigen sich dabei in mir?
Mit welchen Gedanken hängen die Emotionen zusammen?
Was lerne ich daraus?
Kann ich schon anfangen, das Gelernte umzusetzen oder muss ich mir noch ein paarmal selbst beweisen, dass meine Beobachtung stimmt? (Das wäre ja auch völlig legitim.)
Wenn ich das alles weiss, kann ich mich entscheiden, ob ich weiter folgen will.
Ich will nämlich kein blinder Follower sein.
Nicht der blinde Follower eines Menschen, einer Gruppe oder eines Social-Media-Accounts.
Aber ganz sicher auch nicht der blinde Follower meiner alten Geschichten.
Nicht der Follower meiner Zweifel und Ängste.
Nicht der Follower jeder erlebten Niederlage.
Nicht der Follower jedes Gedankens, den mein Verstand für dringend oder wahr hält.
Denn so gut und plausibel ihre ganzen Geschichten auch sein mögen – sie haben einen entscheidenden Nachteil:
Es sind nicht wirklich meine.
Eingriffspunkte
Der, dem ich folge, füttert mich.
Womit ich mich füttern lasse, formt mich.
Was mich formt, formt meine Entscheidungen.
Meine Entscheidungen bringen mich irgendwohin.
Und dort werde ich wieder gefüttert.
Das klingt nach einem Henne-Ei-Ding.
Ist es aber gar nicht.
Es ist eine Spirale mit Eingriffspunkten.
Je bewusster ich mir die Zeit nehme nachzuspüren, was sich gerade in mir bewegt und wie sich das, was ich konsumiere, auf mich auswirkt, desto mehr komme ich aus der rein konsumierenden Haltung heraus und in eine bewusst-gestalterische hinein.
Dann folge ich nicht mehr blindlings. Sondern lasse mich von mir selbst führen. An die Orte, an denen ich am besten lernen und wachsen kann.
Und vielleicht komme ich auch an den Punkt, an dem ich weiss:
Es gibt hier nichts mehr zu lernen. Das Folgen hat seinen Zweck erfüllt, ich bin satt, vielleicht überfüttert. Und sage versöhnlich Auf Wiedersehen.
Es muss kein Berggipfel sein.
Wenn ich mich mal wieder darüber aufrege, dass diese Welt mittlerweile so übergriffig geworden ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, nur allein auf einem Berggipfel würden sich Verkaufsmails, Reels, schlechte Nachrichten und Werbung nicht mehr ungefragt und ungebeten auf mich draufsetzen, damit ich wieder und wieder die ältesten Geschichten vom Nichtgenügen abspule, tröstet mich ein Gedanke:
Ich muss ja nicht alles auf einmal ändern.
Es reicht schon, irgendwo anzufangen.
Immer wieder nach innen zu schauen.
Zu verstehen, wonach ich in Wirklichkeit suche.
Zu gehen, wenn es nichts mehr für mich tut.
Mich von niemandem zu etwas drängen lassen.
Unter Bäumen zu sitzen und zu wissen, dass die meisten Dinge grösser sind als ich.
Lieber nein zu sagen, wenn jemand mir ein Ja aus dem Herzen schneiden will.
Und nicht jeder Geschichte zu glauben, die mein Verstand ins System wirft.
Lieber öfter mit Ruhe und Vertrauen zu sagen:
Wenn ich schon folge, dann immer besser mir.
Ich bin Lili.

Und so ein einsamer Berggipfel ist manchmal schon ganz schön verlockend. Vor allem, wenn ich mir vorkomme wie ein kleines Mädchen, das vor einem übermächtigen Gegner steht — mit nichts als einer Steinschleuder in der Hand.
Dann fällt mir wieder ein: Wir haben viel mehr als eine Steinschleuder. Wir haben alles dabei, was uns weiterhilft.
Manches davon ist halt noch verbuddelt und vergraben auf Kontinent 8. Und manches wartet irgendwo auf dem Weg.
Das wird schon gut. War immer noch so.