Wenn du mich suchst: Ich bin im Wäschekorb!

In tausend Teile zerbrochen und wieder zusammengeflickt — das kennen wohl die meisten.

Aber manchmal ist es nicht das eigene Leben, das einen in die Knie zwingt. Sondern die schmutzige Wäsche von jemand anderem.

Meine Geschichte aus einem wichtigen Praktikum — und was sie mir über Charakterstärke und die Fragilität der Wirklichkeit beigebracht hat.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Aus dem 3. Untergeschoss, Die drei grossen S
Voller Wäschekorb vor rotem Hintergrund — ich stehe noch

Ich stehe noch.

Mir kommt sogar vor, ich stehe zunehmend sicher. Weil ich mir in schwierigen Situationen oft denke: „Ach, das war damals ja viel schlimmer. Und das hab ich auch überlebt.“

Das finde ich jetzt mal richtig schön am Älterwerden. Dass man einfach so einen riesigen Rucksack an Erfahrungen dabei hat. Obwohl das gar nicht das ausdrückt, was ich fühle. Es ist ja nix, was ich mir umgehängt habe.

Ich BIN dieser Rucksack. Und immer wieder, manchmal ohne mein Zutun, öffnet sich in mir so eine kleine Seitentasche. Und da purzelt etwas raus, das brauchbar ist oder hilfreich. Und dann weiss ich wieder: Es hat sich gelohnt, dass ich echt auch durch die Kacke gestolpert bin. Ganz schön oft zerbröselt wurde. Und es immer wieder geschafft hab, mich zusammenzuflicken. Mit ganz viel Hilfe. Mit echt ganz viel Hilfe von aussen.

Ich glaub, das ist der zweitwichtigste Grund, warum ich mich in der allerersten Blogparade meines Lebens für dieses Thema entschieden habe: Ich bin ein Fan von Ausgleich. Ich mag die Vorstellung, dass nichts verloren geht. Dass alles fliesst.

Das, was ich selbst zum Fluss trage, kann anderen helfen. Und räumt gleichzeitig etwas in mir frei. Was dann wieder Platz für Freude schafft.

Ein Teil meines Gehirns funktioniert so: Ich habe Riesenglück. Dass ich so viele Erfahrungen machen darf. Dass ich langsam verstehe, wie besonders wichtig gerade die schwierigen waren. Dass ich immer wieder Hilfe bekommen hab. In Form von anderen Menschen in meinem Leben oder aus deren Weisheit in Büchern. In der Natur. In der Verbundenheit, die ich auch zu mir selbst spüre.

Und ich weiss, dass es mich immer tröstet, wenn jemand sagt: „Hey, ja, das kenne ich. Das ist echt schwer zu ertragen.“

Ich stelle mir vor, dass diesen Artikel jemand liest, der gerade am Boden ist. Und der dann sagt: „Okay, offenbar geht es auch anderen so. Das hilft.“

Das hier wird eine ehrliche Rückschau. Und ein kleines Fest.
Weil: Hurra! Ich stehe noch.

Ich stehe noch.

Aus dem Wäschekorb

Wieso jetzt Wäschekorb?
Weil mir während meiner Nachdenk- und Sammelphase zum Thema der Blogparade und dann zur Auswahl der Geschichte, über die ich schreiben will, eines klargeworden ist:

In den Boden gestampft und in Trilliarden Teile zerbrochen bin ich immer dann, wenn jemand schmutzige Wäsche gewaschen hat, die mit mir an und für sich nichts zu tun hatte. Und mich dennoch in die Tonne befördert hat.

Ungerechtigkeit halte ich sehr schwer aus. Und Ungerechtigkeit, gegen die ich machtlos bin und einfach zuschauen muss, wie die Dinge den Bach runtergehen — niederschmetternd.

Die Sache mit dem Praktikum

So, das ist jetzt also die Geschichte.
Sie hat mich jahrelang beschäftigt. Ich war jahrelang immer wieder ohnmächtig wütend deswegen.

Es war in 2012, mitten im Studium an der Pädagogischen Hochschule in Zürich. Wir alle standen kurz vor dem intensivsten und wichtigsten Praktikum unserer Ausbildung — zu zweit sieben Wochen eine Klasse zu führen, mit allem Drum und Dran.

Meine Praktikumspartnerin war eine gute Freundin von mir. Wir hatten uns ziemlich am Anfang des Studiums kennengelernt. Sie wirkte unsicher und schüchtern, gleichzeitig aber sehr warmherzig. Ich stellte sie den anderen Leuten aus der Gruppe vor, zu der ich mich schon zugehörig fühlte, weil sie alle in meinem Alter und genau wie ich aus irgendeiner Richtung in die Lehrerausbildung gesegelt waren. Wir unternahmen als Gruppe viel zusammen und schoben uns gegenseitig auch durch die frustrierendsten Phasen. Es war ein echter Trost und immer wieder ein Riesenspass, diese Leute an meiner Seite zu haben.

Wenn man ein Studium beginnt, wird man einer Mentoratsgruppe zugeteilt.
Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie eine Stammklasse, die sich zweimal im Monat trifft und bis zum Ende zusammenbleibt. Die vielen anderen Module besucht man dann ganz unterschiedlich, die Mentoratsgruppe aber ist wie der rote Faden durch die Ausbildung.

Geleitet wurde meine Gruppe von einer hochkompetenten Mentorin, die selbst jahrzehntelang an der Grundschule unterrichtet hatte. Sie verlangte viel, war sehr genau und scheute sich nicht davor, Klartext zu reden, was ihr immer wieder auch Kritik einbrachte. Ich schätzte sie sehr, aber so richtig warm wurden wir nicht miteinander.

Meine Freundin, die ich jetzt aus Gründen der Lesbarkeit Margit nenne, war einer anderen Mentoratsgruppe zugeteilt worden. Ihre Mentorin war ein echter Sonnenschein mit trockenem Humor, die die Fünf gerade sein lassen konnte.

Vorbereitungszeit

Gut, also. Margit und ich entschieden, dieses wichtige Praktikum gemeinsam zu bestreiten. Wir hatten sechs Wochen Vorbereitungszeit, neben den laufenden Modulen und Fachdidaktik-Lektionen, in denen wir unsere Planungen mit einem Dozenten besprechen und anpassen konnten.

Es war viel zu tun und anstrengend. Margit steckte zusätzlich in einer persönlichen Liebeskrise und war von Anfang an schwer verunsichert. Wir trafen uns regelmässig und telefonierten täglich fast eine Stunde lang. Ich tat mein Bestes, sie zu ermutigen, versorgte sie mit Ideen, wenn sie irgendwo steckenblieb. Einmal pro Woche kündigte sie an, die Sache hinzuwerfen. Ich überliess ihr alle meine Coaching-Gefässe, weil ich mich sonst egoistisch gefühlt hätte.

So ging das fünf Wochen lang. Ich merkte, dass die Mehrfachbelastung langsam an mir zehrte. Und dabei hatte das Praktikum noch nicht mal begonnen.

Die Woche vor dem Praktikumsstart

Am Sonntag vor der letzten Vorbereitungswoche war Margit nicht mehr zu erreichen.
Es gab jede Menge zu organisieren und zu besprechen und sie reagierte weder auf Nachrichten noch auf Anrufe.

Ich begann mir Sorgen zu machen. Nach mehreren Stunden ohne eine Meldung von ihr entschied ich, meine Mentorin zu informieren, die dann ihrerseits Margits Mentorin kontaktieren wollte. Ich erfuhr: Margit hat das Praktikum geschmissen. Du musst es allein machen.

In solchen Momenten wundere ich mich immer ein bisschen über mich selbst: Anstatt in Panik zu verfallen, werde ich innerlich sehr ruhig. Mein Gehirn geht in den nüchternen Überblicksmodus und grast alle Wege, alle Fragen, alle Herausforderungen ab, um dann ein Schlussfazit zu ziehen. In diesem Fall: Es ist wahrscheinlich besser so. Es wird sauschwer und ich habe in der letzten Woche viel mehr zu tun, als mir gut tun wird. Aber zumindest muss ich mich dann nur um meinen Scheiss kümmern.

Ich versuchte noch ein- oder zweimal, Margit zu erreichen, ohne Erfolg. Ich hatte keine Ahnung, was sie für ihre Lektionen geplant hatte, weil das von ihr immer wieder umgeworfen und neu aufgesetzt worden war. Ich musste also von Null starten.

Am Freitag, der letzten Möglichkeit, mit meinem Dozenten für Mathematik meine Lektionen durchzugehen (was eh schwierig war, er hatte ja noch nie etwas von mir gesehen), sass ich in einem Gruppenraum und bereitete mich vor, als Margit plötzlich vor mir stand. Sie sah schlimm aus, total fertig. Aber auch mit diesem Ausdruck, den ich mittlerweile gut von ihr kannte:
Ich bin die Allerärmste, hilf mir.

In mir baute sich Widerstand auf.

„Es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe. Ich war völlig am Boden. Aber ich will es jetzt durchziehen. Ich habe eine Bitte: Gib mir diese halbe Stunde mit dem Dozenten.“

Ich konnte nicht. Ich konnte kein bisschen Mitgefühl in mir finden. Ich sagte nein.

Sie begann hysterisch zu schluchzen und zu schreien: „Aber ich habe NICHTS vorbereitet! Ich habe GAR NICHTS!“

Genau in diesem Moment betrat ein anderer Student den Raum. Ich konnte die Situation durch seine Augen sehen: Eine kleine, zarte, hysterisch weinende Person neben einer grossen, aufrecht stehenden, mit einer gewissen Härte im Blick. Er sah von ihr zu mir und wieder zurück. Sein ganzes Mitgefühl floss in ihre Richtung. Er warf mir einen abschätzigen Blick zu und verliess den Raum.

Ich nahm meine Viertelstunde zitternd und bebend in Anspruch und floh dann nachhause. Ich war völlig ausser mir.

Nur wenig später erhielt ich den Anruf der Praxislehrperson, an deren Klasse das Praktikum stattfinden sollte: „Sie wird es nicht mir dir machen. Sie verlangt, dass du dir einen anderen Platz suchst. Sie will auf gar keinen Fall neben dir im Klassenzimmer stehen, sie will absolut nichts mit dir zu tun haben. Was ist denn bei euch beiden los?“

Ich erklärte nicht viel, ich wollte nicht am Telefon weinen. Erst, als ich auflegte, brach meine Welt zusammen.

Der Klebstoff, der die Dinge zusammenhält

Superglue und Glasscherben — was uns nicht klein gekriegt hat.

Und dann passierte das, wofür ich ewig dankbar sein werde.

Meine Mentorin rief mich an.
Diese kühle, klare Person sagte: „Ich habe gehört, was passiert ist. Erzähl mir deine Version.“

Und ich durfte erzählen. Sie unterbrach mich kein einziges Mal.
Am Ende sagte ich: „Ich werde es sein lassen. Sie kann den Platz haben. Ich habe keine Kraft mehr.“

Meine Mentorin antwortete: „Ich weiss. Und ich glaube dir. Du wirst das Praktikum machen, dafür sorge ich. Du hast es dir hart verdient.“

Ich erhielt noch zwei weitere Anrufe an diesem schrecklichen Freitag. Margits Mentorin und meine Praxislehrerin sagten mir ihre Unterstützung zu. Und ich weiss bis heute nicht, was passiert wäre, wenn sie Margit geglaubt hätten.

Ich habe das Praktikum allein absolviert. Habe rund um die Uhr gearbeitet und mit Bestnote abgeschlossen.
Darauf bin ich immer noch stolz.

Was ich gelernt habe

Es macht keinen Sinn, nicht zuerst auf die eigenen Kraftressourcen zu achten. Ich hatte meine eigenen Coaching-Gespräche abgegeben, meine Zeit, meine Energie und irgendwann fast meine Chance auf dieses Praktikum.

Das würde ich heute nicht mehr tun.

Aber noch viel wichtiger: Eine Person, zu der ich keinen menschlichen Draht gehabt hatte bis dahin, hat mich gerettet. Hat mir die Gelegenheit gegeben zu sprechen. Mir zugehört und mir geglaubt.

Es ist so viel einfacher, die Tränen zu sehen als hinter die Gesichter zu schauen, die nicht weinen, sondern verhärten. Es ist so viel einfacher, eine Wirklichkeit, die an einem Lautsprecher hängt, zur einzig wahren zu erklären.

Meine Mentorin hat meiner Wirklichkeit Platz gelassen. Obwohl ich wütend und bitter war, hat sie sich nicht davon abhalten lassen, die Zerbrechlichkeit dahinter zu bemerken. Das ist Charakterstärke.

Seit dieser Situation schaue ich mir ganz bewusst die Menschen an, die nicht zusammenbrechen. Weil ich weiss: Auch da gibt es eine Wirklichkeit.

Und man soll sie sich anhören. Zumindest das.

Ich bin Lili.

Diese Geschichte habe ich lange mit mir herumgetragen.

Wegen Margit? Nein. Dieser Teil ist längst abgeschlossen.

Was mich noch heute berührt, ist meine Mentorin.
Sie hat nach meiner Version gefragt.

Vielleicht hat sie etwas Ähnliches erlebt und entschieden: Wenn ich die Gelegenheit habe, werde ich genau hinschauen und hinhören.

Dadurch hat sie etwas in mir gestärkt, was sonst vielleicht zerbrochen wäre.

Und ich glaube, sie weiss das nicht mal.



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