Jetzt habe ich es schon wieder gehört:
„Nimm unsere Energie, aber nimm sie uns nicht weg.“
Die absurde Vorstellung, Projektoren würden anderen Menschen vampirartig Energie absaugen, begegnet mir leider immer wieder. Und hat mich dazu motiviert, genauer hinzusehen: Wie entsteht so ein merkwürdiges Bild?
Eines vorweg:
Auch wenn ich ein bisschen Grusel durchaus zu schätzen weiss – diese Geschichte taugt nicht dafür.
Man lernt doch jeden Tag dazu.
Das erste Mal, als ich mit der Aussage konfrontiert wurde, ich würde als Projektor anderen Menschen energetisch etwas wegnehmen, sass ich in einem Einstiegskurs in das Human Design-System in der Nähe von Bern.
Acht Menschen verbrachten zweieinhalb Tage an einem runden Tisch. Die beiden Ausbildner, ein gut eingespieltes Ehepaar, hatten uns gerade durch die grundlegenden Informationen über den Projektor geführt und entliessen uns in die Pause.
Ich sass schon wieder an meinem Platz, als die Kursteilnehmerin, mit der ich vorher noch freundlich gescherzt hatte, deutlich zögerte, sich wieder neben mich zu setzen. Sie sah mich argwöhnisch an. „Ich weiss nicht, ob ich will, dass du mir meine Energie absaugst.“
Mein Herz krampfte sich zusammen. Dieses vertraute Gefühl, nicht dazuzugehören, weil etwas mit mir nicht stimmte, nahm in diesem Moment eine ganz neue Dimension an: War ich ein Energievampir?
Der Ausbildner, ein Manifestierender Generator, griff sofort ein. Seine gelassene Strenge beruhigte mich. „Da hast du etwas falsch verstanden“, sagte er zu ihr. „Das werden wir gleich noch einmal aufgreifen.“
Glaub nicht alles, was du hörst.
Beim zweiten Mal war ich etwa ein Jahr im Human Design.
Eine Frau mit grosser Social-Media-Reichweite, die kurz zuvor ihr erstes Reading erhalten hatte, startete gemeinsam mit einer Human Design-Expertin eine Podcastreihe über die verschiedenen Typen. Aus persönlichem Interesse hörte ich in die Folge über Projektoren hinein.
Neben etlichen Ungenauigkeiten fiel eine Aussage, die mich wirklich traf. Nicht mehr nur persönlich, sondern stellvertretend für alle, die so etwas über sich hören müssen — und es womöglich ernst nehmen.
„Der Projektor ist ein Energievampir. Er hat keine eigene Lebensenergie und saugt sie von anderen ab.“
Das war bitter. Projektor zu sein bedeutet, in einer Welt zu leben, die anders funktioniert als man selbst — und in der dieses Anderssein oft missverstanden wird. Da ist eine Aussage wie die oben alles andere als hilfreich.
Wenn du Projektor bist oder ein Projektor-Kind begleitest, sollst du eines wissen:
Es ist alles in Ordnung.
Schauen wir es uns gemeinsam an.
Du bist kein
energievampir.
Ein Projektor nimmt Energie wahr.
Nicht weg.
Wie in den Köpfen von Menschen Vampire entstehen
Als ich in Bern in das Gesicht hochblickte, in dem das Misstrauen geschrieben stand, rasten in Sekundenbruchteilen Erfahrungsfetzen durch mein Gehirn:
das Gefühl, irgendwie fremd zu sein;
mein endloses Bemühen, Schritt zu halten;
eine tiefe Erschöpfung, die sich nie ganz zu legen schien;
die Bitterkeit darüber, keine schlüssige Erklärung für all das zu finden.
Wie konnte ich ein Energievampir sein, wenn ich mich selbst oft so energielos fühlte?
Wie kommt es denn überhaupt zu der Vorstellung, Projektoren würden anderen Menschen Energie absaugen? Hat die Welt zu viele schlechte Horrorfilme gesehen?
Hier der Versuch, diesen Knoten zu entwirren.
Erster Knoten: Das offene Sakralzentrum
Das Sakralzentrum des Projektors ist offen.
Um die Tragweite dieser Information nachzuvollziehen, lohnt sich zunächst ein kurzer Blick auf das definierte Sakralzentrum.
Der Generator und die sakrale Kraft
Der Generator gehört zu den beiden Energietypen im ursprünglichen Human Design. Man unterscheidet zwischen dem reinen Generator und dem Manifestierenden Generator. Wenn ich im Folgenden vom Generator spreche, meine ich beide.
Jeder Mensch kennt das Gefühl, für etwas anzuspringen:
der attraktive Mann im Supermarkt, eine Sendung über ein Schweigeretreat, der Geruch von leckerem Essen, die Geschenke unterm Weihnachtsbaum und die Entscheidung, womit man zuerst spielt. Oder dieser Energieschub, wenn man von einer Projektidee hört und sofort weiss: Da will ich dabei sein. Das ist genau mein Ding.
Etwas passiert da in uns. Ein Ruck. Eine aufsteigende Freude. Ein Schauer. Ein kraftvolles Ja.
Dieser Antrieb kommt aus dem Sakralzentrum.
Für Generatoren ist dieses kraftvolle Ja ein erstaunlich zuverlässiger Kompass, wofür sie ihre Energie einsetzen wollen.
Für Menschen mit offenem Sakralzentrum dagegen kann genau dieses Gefühl in die Irre führen. Warum, dazu kommen wir gleich.
Das Sakralzentrum ist das Zentrum der Lebenskraft. Und diese Kraft will gelebt werden. Am wirkungsvollsten arbeitet es, wenn seine Energie in etwas fliesst, das echte Befriedigung verspricht: ein fröhliches Abendessen in guter Gesellschaft, im Wald ein Tipi aus Altholz bauen, stundenlang völlig versunken Legos zusammenbauen oder das Badezimmer neu fliesen.
Irgendwann fällt man vor Müdigkeit um.
Wenn man wieder aufwacht, will man gleich weitermachen, weil es so schön war.
Ein Bild kraftvoller Freude
Das ist die Magie des Sakralzentrums. Es generiert unablässig Energie und kann vor Freude und Befriedigung sprühen.
Die einzigen Menschen, die sich konstant und zuverlässig über diese Kraft definieren können, sind die Generatoren.
Ein Generator, der seine sakrale Energie in für ihn stimmige Dinge investiert, strahlt eine enorme Lebendigkeit aus. Man spürt das. Wo Menschen zusammenkommen, die Befriedigung in ihrem Tun finden, ist die Atmosphäre beschwingt, aktivierend und hell. Das bewirken die Generatoren mit ihrer sakralen Kraft.
Solche Bilder kraftvoller Freude sind seltener geworden. Und genau hier kommt der Projektor ins Spiel.
Was es bedeutet, ein offenes Sakralzentrum zu haben
Ein offenes Sakralzentrum in einer Körpergrafik weist auf drei zentrale Aspekte hin.
1. Die Kapazität ist begrenzt.
Angenommen, ein Mann übernimmt eine Firma mit neun Betriebsbereichen. Einer davon ist eine kleine Druckerei mit fünf Mitarbeitern.
Der neue Inhaber kennt sich noch nicht gut mit den Abläufen aus und nimmt einen riesigen Druckauftrag an. Die fünf sind überfordert. Die Maschinen sind für kleine Auflagen gebaut, die Räume zu eng, die Lagerfläche fehlt. Auf Dauer wächst ihnen die Arbeit über den Kopf.
2. In einem energiereichen Umfeld kann die Leistungsfähigkeit vorübergehend stark steigen.
Der Chef hat eine Idee: Vielleicht müssen sie einfach lernen, wie eine richtige Druckerei arbeitet. Er bringt sein Team in eine Grossdruckerei mit zwanzig Mitarbeitenden, die täglich Tausende Broschüren produziert.
Die fünf sind begeistert. Die Energie der grossen Druckerei wirkt mitreissend. Plötzlich fühlt es sich an, als hätten sie Superkräfte. Sie arbeiten schneller, produktiver, euphorischer.
Der Chef reibt sich zufrieden die Hände. Das könnte dauerhaft funktionieren!
Aber: Die zwanzig Mitarbeitenden gehören zu einem anderen Unternehmen. Sie arbeiten an ihren eigenen Aufträgen. Der Besuch war nur vorübergehend – und kann nicht die Dauerlösung sein.
3. Der Fokus ist entscheidend.
Selbst wenn der Chef sein Team immer wieder in die Grossdruckerei schickt, um sich von dieser Energie mitreissen zu lassen: Seine Firma ist nicht dafür gebaut, so viel zu drucken.
Was ihm im Eifer des Gefechts entgangen ist:
Diese Firma ist gar kein Druckereibetrieb. Vielleicht ist sie ein Marktforschungsinstitut.
Die Druckerei war nie das Kerngeschäft, sondern nur ein interner Service, um die eigentliche Arbeit sichtbar zu machen: Analysen erstellen, Trends erkennen, Unternehmen beraten.
Der Inhaber hat den Fokus auf das verloren, was eigentlich zählt.
Leben in einer sakralen Welt
So ähnlich geht es einem Projektor in einer Welt voller Generatoren.
Er sieht überall Menschen, die handeln, produzieren, leisten. Schnell. Viel. Oft scheinbar unermüdlich. Und weil das die Normalität ist, denkt er, er müsse mithalten.
Im Kontext von Human Design bedeutet ein offenes Sakralzentrum nicht, dass keine Lebenskraft vorhanden ist. Der Körper stellt genug Energie zur Verfügung, um gesund, freudig und selbstbestimmt durch dieses Leben zu gehen. Diese Energie ist jedoch nicht dafür ausgelegt, dauerhaft unter hoher Belastung zu arbeiten.
Du hast deine eigene
Lebenskraft.
Sie funktioniert nur anders.
Was einen Generator, der das Richtige tut, in den Flow und zum Strahlen bringt, führt bei einem sakral offenen Menschen auf Dauer zu körperlicher Überforderung.
Generatoren sind die grösste Gruppe im Human Design — fast siebzig Prozent der Menschen gehören dazu. Sakrale Energie ist daher allgegenwärtig.
Im Kontakt mit Menschen mit definiertem Sakralzentrum wird ein offenes Sakral von dieser Energie nicht nur „aufgeladen“ — es verstärkt sie auch. Weil sich diese Energie so selbstverständlich anfühlt, wird sie leicht für die eigene gehalten. Dadurch wird die tatsächliche Belastungsgrenze immer wieder überschritten.
Viele sakral offene Menschen kämpfen deshalb häufig mit Müdigkeit und Erschöpfung — und zusätzlich mit Vorwürfen. Den eigenen und denen von aussen, weil sie scheinbar nicht so belastbar sind wie andere.
Der Ursprung der Vampirgeschichte?
Genau dieses Wahrnehmen und Verstärken fremder Energie ist vermutlich der Ursprung der Vorstellung, ein Projektor würde Energie „absaugen“ wie ein Vampir.
Davon kann keine Rede sein. Wer schon einmal von der kollektiven Begeisterung in einem Fussballstadion oder bei einem grossartigen Konzert angesteckt wurde, weiss: Es handelt sich um einen vollkommen natürlichen Prozess, der nichts Gewaltvolles an sich hat.
Der Vollständigkeit halber: Generatoren sind keine Energiemaschinen und brauchen selbstverständlich ebenfalls Erholung und Pausen. Dennoch berichten viele Generatoren, dass sich ihre Energie nahezu unerschöpflich anfühlt, wenn sie das Richtige tun.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied. Wenn ein Projektor versucht, mit einem Generator mitzuhalten, kann er auf Dauer nur verlieren: Lebensfreude, Identität, Richtung — und leider oft genug den Blick dafür, wofür er eigentlich hier ist.
Wenn man es so betrachtet, bleibt vom Bild des Energievampirs nicht mehr viel übrig.
Ein offenes Sakralzentrum bedeutet nicht, dass ein Projektor Energie von anderen Menschen absaugt. Er nimmt sie wahr, verstärkt sie – und kann sich leicht darin verlieren.
Doch das offene Sakralzentrum ist nicht der einzige Grund, warum Projektoren manchmal misstrauisch betrachtet werden.
Ein zweiter Knoten liegt in der Beschreibung der Projektor-Aura.
Zweiter Knoten: Die fokussierte Aura
Warum die Projektor-Aura misstrauisch machen kann
Im Human Design wird die Aura des Projektors oft als fokussiert und durchdringend beschrieben. Sie richtet sich auf einzelne Menschen und erkennt schnell, ob deren Energie sie in einen Zustand der Befriedigung führt — oder in zunehmende Frustration.
Für Menschen, die diese Beschreibung zum ersten Mal hören, klingt das nicht unbedingt beruhigend.
Eine Aura, die „durchdringt“.
Die andere Menschen „liest“.
Die sich direkt auf jemanden richtet.
Da ist der Gedanke an einen energetischen Vampir plötzlich nicht mehr weit.
Erschwerend hinzu kommt die bildhafte Darstellung der Projektor-Aura.
Sie zeigt eine deutliche Zuspitzung, die man durchaus als etwas Bedrohliches interpretieren könnte — besonders, wenn man sie neben der offenen Aura eines Generators sieht.

Ich habe sie immer als wenig einladend empfunden. Und irgendwann eigene Bilder entworfen.

Sieht das nicht viel freundlicher aus?
Meine Freundin Antje meinte einmal, die Projektor-Aura erinnere sie an ein kleines Vogelkind.
Der Vergleich gefällt mir — immerhin sind Projektoren tatsächlich die Nesthäkchen unter den Typen.
Bevor durch die Zuspitzung der Projektor-Aura wieder eine neue Vampirgeschichte entsteht, lohnt sich ein kurzer Blick darauf, was im Human Design überhaupt mit Aura gemeint ist.
„The aura does the talking.“
Die Aura ist das energetische Feld, das jeden Menschen umgibt. Für die meisten Menschen ist es nicht bewusst sichtbar — aber durchaus wahrnehmbar. Wir sagen Dinge wie:
„Er wirkt so zugeknöpft.“
oder:
„Sie kann einen Raum zum Strahlen bringen.“
Im Human Design geht man davon aus, dass diese energetischen Felder ständig miteinander kommunizieren. Diese Kommunikation verläuft für uns unbewusst. Wir können sie nicht wirklich steuern. Höchstens ihre Auswirkungen beobachten.
Ra Uru Hu formulierte es einmal so:
„The aura does the talking.“
Die „Aurasprache“ eines Generators unterscheidet sich deutlich von der eines Projektors. Generatoren haben eine offene, einladende Aura. Die Aura des Projektors dagegen ist fokussiert — das Gegenteil von offen.
Das kann auf andere Menschen befremdlich wirken.
Ich habe im Laufe meines Lebens viele Situationen erlebt, in denen mir genau das gespiegelt wurde. Wie offen und zugewandt ich mich auch fühlte — es gab immer wieder Menschen, die mich als unnahbar wahrnahmen. Oder die misstrauisch wurden.
Und der konzentrierte, prüfende Blick, den viele Projektoren haben, ohne sich dessen bewusst zu sein, hat mir schon mehr als einmal Ärger eingebracht.
Ein Werkzeug für eine besondere Aufgabe
Die Aura eines Generators ist offen, warm und einhüllend.
„Komm in meine Arme“, scheint sie zu sagen.
Die Aura des Projektors dagegen richtet sich in eine bestimmte Richtung — und wirkt hier wie ein Dia-Projektor: Sie zeigt vergrössert, was vorher kompakt und klein im Dunkeln lag.
Was für den Projektor ein natürlicher Wahrnehmungsmodus ist, kann für andere Menschen ungewohnt intensiv wirken — und damit manchmal unangenehm.
Doch genau dafür ist diese Aura gedacht.
Der Projektor ist nicht hier, um Energie zu erzeugen oder ständig aktiv zu sein. Seine Stärke liegt darin, Menschen und Systeme zu erkennen: zu sehen, wo Energie fliesst, wo sie blockiert ist und wohin sie sinnvoll gelenkt werden könnte.
Die fokussierte Aura ist das Werkzeug für diese Aufgabe.
Auch hier ist also kein Vampir am Werk:
Wahrnehmen
ist nicht dasselbe wie
Wegnehmen.
Dritter Knoten: Energien leiten und lenken
Kommen wir zu einem Punkt, der in mir von Anfang an einen heftigen inneren Widerstand ausgelöst hat — und von dem ich heute sagen kann: Auch im ursprünglichen Human Design gibt es Formulierungen, die wirklich unglücklich gewählt sind.
Human Design beschreibt den Projektor als jemanden, der Energie leitet und lenkt.
Hier meine Gründe, warum ich diese Aufgabenbeschreibung für missverständlich halte:
- Sie lädt zu Fehlinterpretationen ein.
Wer Energie lenkt oder leitet, tut das ja nicht mit seiner eigenen.
Es muss also die eines anderen sein.
Und schon sind wir wieder bei der Vorstellung, ein Projektor würde sich an der Energie anderer Menschen bedienen.
Das Bild des Energievampirs bleibt im Kopf — und bekommt noch ein paar neue Facetten.
- Sie klingt unsanfter, als sie gemeint ist.
Wir leben in einer Welt mit Geschichte — und diese Geschichte ist nicht frei von Gewalt. Wenn ich an jemanden denke, der andere lenkt oder leitet, entsteht in mir zuerst das Bild eines Menschen, der das ohne das Einverständnis der anderen tut. Ich vermute, ich bin mit dieser Assoziation nicht allein.
Niemand möchte gelenkt werden.
Selbst Menschen, die sich eigentlich nach klarer Führung sehnen, hören diese Formulierung nicht gern. Und noch sehr viel weniger gern hören sie Menschen, die ihr Leben bewusst selbstbestimmt gestalten.
Wenn mir jemand sagen würde:
„Ich werde deine Energie leiten und lenken“ —
ich wäre schneller verschwunden, als der Satz zu Ende gesprochen ist.
Doch auch für Projektoren selbst kann diese Beschreibung verwirrend sein. Sie erzeugt unnötigen Druck und ein schiefes Bild davon, worum es eigentlich geht.
Es ist eine dieser Formulierungen, die Human Design manchmal in ein ungünstiges Licht rücken — nicht wegen der Idee dahinter, sondern wegen der Worte, mit denen sie beschrieben wird.
Die Fäden in die Hand
Ein Projektor besitzt eine besondere Fähigkeit, Energie wahrzunehmen. Je klarer er mit sich selbst wird, desto klarer kann er Muster, Zusammenhänge und gesunde Richtungen für andere Menschen und Systeme erkennen.
Doch die Wahrnehmung ist nur das eine.
Die Einladung des Gegenübers, diese Wahrnehmung zu teilen, ist das andere.
Kein Auftrag ohne Einladung.
Wenn die Einladung in irgendeiner Form ausgesprochen wird und der Projektor seine Wahrnehmung teilt, entscheidet der andere Mensch selbst, was er mit diesen Hinweisen anfangen möchte.
Der Projektor lenkt oder leitet nicht im Sinne eines Puppenspielers, der an Fäden zieht.
Er reicht seinem Gegenüber vielmehr die Fäden, die zuvor vielleicht gar nicht sichtbar waren.
Was jemand mit diesen Fäden macht, bleibt seine eigene Entscheidung. Der Projektor kann lediglich dabei unterstützen, Energie in eine Richtung zu lenken, die mehr Zufriedenheit, Gesundheit und kraftvolle Freude ermöglicht.
Es geht hier nicht um Macht.
Der Projektor lenkt keinen anderen Menschen.
Er nimmt den anderen Menschen wahr — und kann helfen, mehr Bewusstsein zu schaffen. Dennoch trägt auch diese Formulierung ungewollt zu dem Bild bei, das wir gerade entwirren. Jemand, der „lenkt“ oder „leitet“, klingt schnell nach jemandem, der sich Macht über andere anmasst.
In einer Welt mit einer langen Geschichte von Macht und Gewalt liegt die Vorstellung nicht fern, dass jemand anderes über unser Leben bestimmen könnte.
Und damit sind wir wieder sehr nah an der alten Vampirgeschichte:
ein Wesen, das sich nimmt, was einem anderen gehört.
Dabei geht es im Human Design weder um Macht noch um Führung über andere — sondern darum, gesündere Richtungen für uns alle sichtbar zu machen.
Wir haben uns drei Aspekten angenähert, die vielleicht erklären können, warum der Projektor manchmal mit Misstrauen betrachtet wird.
Der vierte und letzte Knoten wächst gewissermassen aus den drei anderen heraus — und er ist der persönlichste. Hier liegt das Körnchen Wahrheit in der Vampirgeschichte: Ein Projektor, der sich nicht kennt, kann tatsächlich energieraubend wirken. Für sich selbst. Und für andere.
Ich sage das ohne grossen Pathos. Es ist, wie es ist. Und es ist gut, auch darauf einen Blick zu werfen.
Vierter Knoten: Der Projektor und die Anerkennung
Unterschiedliche „Hardware“
Ein Projektor lebt mit einer Wahrnehmungsfähigkeit, die sich auf andere Menschen richtet.
Während ein Generator unbewusst mit der Frage beschäftigt ist, wer er selbst ist, beschäftigt sich der Projektor mit einer anderen Frage: Wer ist der andere?
Es ist mir wichtig, dass dieser Satz kein neues Missverständnis erzeugt. Der Generator ist nicht egoistischer und der Projektor nicht altruistischer als andere Menschen. Es geht vielmehr um die Grundausstattung der einzelnen Typen — die „Hardware“, die wir eingebaut haben, um unser Leben zufrieden und erfolgreich zu gestalten.
Das definierte Sakralzentrum eines Generators weiss, wofür es seine Energie einsetzen will. Für einen Generator ist es deshalb entscheidend, dieses Sakralzentrum hören und verstehen zu lernen. Nur so findet er heraus, wer er ist.
Der Projektor bildet gewissermassen das Gegenstück dazu. Seine Wahrnehmung richtet sich auf andere Menschen und darauf, wie deren Energie funktioniert. Deshalb die eingebaute Frage: Wer ist der andere?
Wenn Mechanik auf menschliche Erfahrungen trifft
Damit der Projektor eingeladen werden kann, diese Unterstützung zu geben (Bitte erinnern wir uns: Ohne Einladung kein Auftrag.), muss er für seine Fähigkeit erkannt werden. Das könnte sich jetzt nach Bedürftigkeit anhören — als müssten Projektoren ständig Bestätigung erfahren, um überhaupt handlungsfähig zu sein.
Die Realität ist sehr viel komplexer.
Das Wesen des Projektors wartet auf die Möglichkeit, seine Aufgabe zu erfüllen. Völlig nüchtern. Völlig unpersönlich. Es ist eine Mechanik.
Ein Lichtschalter ist da,
um gedrückt zu werden.
Wenn niemand ihn drückt,
ist das dem Lichtschalter egal.
dem menschen, der als projektor durch dieses leben geht,
aber nicht.
Er hat Erfahrungen gemacht — auch schmerzhafte:
Ich fühle mich fremd.
Ich bin erschöpft.
Ich muss mich immer so anstrengen.
Meine Wahrnehmungen stossen auf Ablehnung.
Daraus können ungünstige Muster entstehen:
tiefe Verbitterung, Misstrauen gegenüber anderen, viele Formen von Überkompensation.
Ich mache noch mehr.
Ich schaue noch genauer hin.
Ich mische mich ein.
Ich erkläre noch ausführlicher.
Das ist für den Projektor sehr erschöpfend.
Und für sein Umfeld oft auch.
Nicht, weil ein Projektor Energie „saugt“.
Sondern weil hinter dieser Intensität vielleicht ein Mensch steht, der versucht, erkannt zu werden — damit die eingebaute „Hardware“ ihre Aufgabe erfüllen kann.
Was am Ende übrig bleibt
Wenn man all diese Knoten ein wenig löst, wird vielleicht sichtbar, was die Vampirgeschichte eigentlich ist: ein Missverständnis.
Der Projektor saugt keine Energie.
Er lenkt keine anderen Menschen.
Er nimmt wahr.
Das geschieht auch ohne sein Zutun. Seine Aufgabe ist es, diese Wahrnehmung zu teilen, wenn er dazu eingeladen wird.
Human Design wollte nie neue Hierarchien zwischen Menschen schaffen. Es will sichtbar machen, dass wir unterschiedlich gebaut sind — und dass diese Unterschiede sinnvoll sind:
Generatoren bringen die Kraft.
Projektoren erkennen, wie sie am gesündesten eingesetzt werden kann.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem die Vampirgeschichte endlich zu Ende geht.
Wahrnehmen ist nicht dasselbe wie wegnehmen.
Und wenn du Projektor bist, wünsche ich dir, dass du das wirklich, wirklich weisst.
Ich bin Lili.

Und muss bei manchem Unsinn, der über Human Design kursiert, doch noch ganz schön oft schlucken.
Wenn du Projektor bist, empfehle ich dir: Lass dir das gescheit erklären. Es macht einen echten Unterschied.
Bei mir geht das zum Beispiel hier.