An einem nebelweissen Tag

Ein Mann an einer Ampel in Zürich. Eine stille Beobachterin im Auto. Und die Frage, ob wir immer wissen, was wir füreinander sind.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Aus dem dritten Untergeschoss, Persönliches

Ich stand an einem nebelweissen Tag wie diesem an einer Ampel in Zürich und harrte der Dinge, die aufs Linksabbiegen hinauslaufen sollten.

Der Mann am Strassenrand neben mir, auf das Fussgängerampelgrün wartend, war lang und dünn, kein marathones Sehnenbündeldünn, kein Rohkostbikramyogadünn. Er sah irgendwie schutzbedürftig aus, so, als würde sich das Fehlen der inneren Substanz hilfesuchend im Aussen manifestieren. Er trug einen dünnen braunen Anzug, gepflegte Schuhe, eine Aktentasche, sein Haar war schütter, sein Gesicht teigblass.

Seine Ampel sprang auf grün und er setzte sich in Bewegung, nicht schnell und nicht langsam, gerade so, als würde er sich während des ersten Schritts daran erinnern, ein Gewicht am Fuss hängen zu haben, das in eine Berechnung von Zeit mal Weg miteinbezogen werden wollte.
Um die Ecke, aus der Strasse, in die bald abzubiegen ich mich anschickte, brauste ein Lieferwagen, viel zu schnell, auf den Zebrastreifen zu, auf den dünnen Mann im dünnen Anzug zu, der in Sekundenbruchteilen einen weiteren Schritt nach vorne andeutete, um dann doch drei zurück zu stolpern. Der Lieferwagen brauste weiter, der Fahrer darin beschäftigt mit Beschäftigtsein, ich glaube, er hat es gar nicht bemerkt.

Der Mann im braunen Anzug stand immer noch da, beide Arme hingen wie leblos an ihm herab, an einem baumelte die Ledertasche, er sah dem Wagen hinterher, ich spürte, wie jetzt die Angst in mir hochschoss, ich legte meinen Finger auf den Knopf an der Innentür, um die Scheibe herunterzulassen und starrte immer noch auf die Gestalt, die da stand, obwohl sie genausogut hätte liegen können, mit zerknickten Knochen und überall Blut. Ich fixierte sein Gesicht, seine Augen mit meinen, ich wollte rufen, ich bin da, ich hab es gesehen, aber dann konnte ich nicht, denn der Ausdruck in seinem Blick war nicht erschrocken, nicht wütend, nicht angstvoll, nicht irgendwas, was der Situation angemessen gewesen wäre. Was da war, war eine tiefe, tote Gleichmut, ein Resignieren, ein Punkt am Ende des Punktes.

Er ging weiter, an mir vorbei, auf die andere Seite, weiter die lange Strasse entlang, eine dünne Gestalt, vom Anzug umweht, das Gewicht an seinen Füssen dehnte sich auf seine Schultern aus, er hielt sich gerade, wie ein Betrunkener versucht, sich sein Betrunkensein nicht anmerken zu lassen.

So kreuzen sich die Wege der Menschen, jeden Tag viele Male kreuzen sie sich und wir hinterlassen unsere Spuren ineinander, ich wünschte, er würde wissen, dass er nun zu mir gehört und ich für sehr lange zu ihm.

Ich bin Lili.

In meinem dritten Untergeschoss bewahre ich Erinnerungen über das Menschsein auf  — Stolperfallen, grosse und kleine Tragödien und echte Augenöffner.

Viele sind lustig, andere peinlich. Und manche so traurig, dass ich gern zurückkehren würde, um etwas gut zu machen, was nicht gut zu machen ist.


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